Concerto, March 2006

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Elvis Costello – Willkommen im "Clubland“

Ein grandioser Live-Mitschnitt von Elvis Costello, „My Flame Burns Blue“, aufgenommen mit dem niederländischen Metropole Orkest, ist gerade erschienen. Ein gemeinsames Studio-Album mit der New-Orleans-Legende Allen Toussaint erscheint im Juni. Im Folgenden eine ausführlichere Version des Interviews, das Karl Gedlicka aus diesem Anlass für einen Beitrag in der Concerto-Printausgabe mit Elvis Costello führte.


Karl Gedlicka

Concerto: Sie haben in Ihren „Tour News“ geschrieben, dass der Auftritt mit den Imposters beim Jazz Festival in der Wiener Staatsoper (3. Juli 2005) ihr liebstes Konzert im vergangenen Jahr war.

Costello: Ja, das war es. Es war der Abend, an dem wir es wahrscheinlich schafften, die ganze Musik zu kombinieren, die die Imposters an einem Abend spielen können. Und es war ein sehr gutes Publikum und natürlich ein toller Ort, um zu spielen. Ich war ziemlich überrascht, dass wir ein Konzert dieser Größenordnung in Wien spielen konnten, wo wir nur sehr selten sind.

Concerto: Besteht die Möglichkeit, dass Sie wieder nach Wien kommen und gemeinsam mit Steve Nieve und einem der Orchester auftreten, um die Arrangements von „My Flame Burns Blue“ zu spielen?

Costello: Wir spielen gerade in Konzerthallen in den USA und dann in Tokio. Im Moment verhandeln wir mit verschiedenen Orchestern in Europa. Das Problem ist immer, eine Tour zusammenzubekommen. Man kann ein Konzert hier organisieren, ein anderes dort, mit ein paar Monaten dazwischen. Die Orchester planen ihre Auftritte sehr lange im voraus. Das mit meinen eigenen Tourplänen und den wirtschaftlichen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen, ist sehr schwierig. Ich habe aber große Hoffnung, dass das in der Zukunft klappt. (Lachend:) Ihr habt ein paar ziemlich tolle Orchester in Wien, aber ich bin nicht sicher, ob Sie darauf aus sind, mit mir zusammenzuarbeiten...

Concerto: Als ich „My Flame Burn Blue“ das erste Mal hörte, musste ich an das Foto auf der Cover-Rückseite von „Trust“ (1981) denken, das Sie mit einem Orchester zeigt. Es ist...

Costello: ... als wenn es zum Leben erweckt worden wäre. Ja, genau.

Concerto: Die Eröffnungsnummer von „Trust“ ist „Clubland“. Ich denke die Live-Version davon auf „My Flame Burns Blue“ klingt wie die Version, die es immer sein sollte...

Costello: Ich versuche nicht, mit meinen ursprünglichen Aufnahmen zu konkurrieren. Ich denke, wir haben ein wirklich gutes Original-Arrangement. Natürlich habe ich den Song mit den Attractions und den Imposters in vielen Konzerten live gespielt und er hat dabei im Lauf der Jahre seine Form verändert. Aber es gibt eine Menge wirklich guter Ideen und Motive im Originalarrangement, die damals zusammen mit den ursprünglichen Musikern, den Attractions, vor allem mit Steve Nieve, entwickelt wurden. Beim direkten Vergleich der beiden Aufnahmen kann man hören, wie Sy Johnson manche der Ideen und Motive des Originalarrangements genommen und re-orchestriert hat. Das Schöne, wenn man so etwas macht, ist, dass man dabei eine Menge Spaß hat, was viel zu oft vergessen wird. Es muss nicht so ernsthaft sein. Der Song selbst kann seine Ernsthaftigkeit beibehalten, der Text ändert sich ja nicht, aber die musikalische Begleitung kann die Vielfalt des musikalischen Charakters widerspiegeln, besonders bei einem Song wie ‚Clubland‘. Es ist wie in einem Club, wo man zwei Sachen auf einmal hört: die Musik von der Bar und die Musik von der Bühne. Ich mag diese Idee. In der Orchester-Version haben wir einen Swing- und einen Walzerteil, den es im Originalarrangement nicht gab, aber das Latin-Element etwa musste nur weiter entwickelt werden, es war schon in der ursprünglichen Version enthalten.

Concerto: Ich denke, das trifft auch alles auf die neue Version von „Watching the Detectives“ zu.

Costello: Ja, eine Menge dieser musikalischen Ideen gab es schon in Miniaturform. Ich liebe die Originalaufnahme, sie gehört zu den besten Sachen, die ich in den frühen Jahren im Studio gemacht habe. Aber ich denke, ich sollte die Freiheit haben, eine andere Version zu spielen. Diese neue Version ist mein Arrangement, adaptiert für das Metropol Orkest. Meiner Idee nach geht es in der Geschichte des Songs um jemanden, der auf eine Detektiv-Serie im Fernsehen fixiert ist, und jetzt gibt es die Musik zu dieser Fernsehserie! Die neue Version ist leichtherziger als die Originalversion, die ziemlich spannungsgeladen ist, aber das sollte sie auch sein.

Concerto: Der Beginn von „Favourite Hour“ erinnert an die Titelmelodie von „The Avengers“ („Mit Schirm, Charme und Melone“).

Costello: Ich weiß nicht, ob Steve Nieve das im Kopf hatte, als er das Arrangement schrieb. Aber ich mag den Effekt, den er mit den Bläsern am Anfang schafft, wie er die Melodie aufbaut. Das war auch eine Gelegenheit, einen Song vom Ende eines Albums („Brutal Youth“, 1994) zu nehmen und ihn fast an den Anfang zu stellen, und vielleicht wird er jetzt besser gehört. Es ist eine Melodie, auf die ich stolz bin und Steves Arrangement passt sehr gut.

Concerto: Ich finde, dass „My Flame Burns Blue“ ein ziemlich humorvolles Album ist.

Costello: Ja, ich hoffe es. Es gibt ziemlich viele Balladen aber auch Humor. Ich denke, Vince Mendozas Arrangement von „Episode of Blonde“ ist ziemlich witzig. Er adaptierte mein Bläserarrangement für das Metropole Orkest und fügte eine Menge Streicher hinzu, die für meine Ohren fast arabisch klingen. Er verstärkt die verschiedenen Elemente, um ein viel interessanteres Bild zu kreieren als wir es bei der Originalaufnahme hinbekamen.

Wir hatten die Möglichkeit eine Menge Balladen zu präsentieren, manche bekannt wie „God Give Me Strength“ und „Almost Blue“, und manche, die noch nie aufgenommen wurden, wie „Speek Darkly Ma Angel“ und „Put Away Forbidden Playthings“ und natürlich der Titelsong, „My Flame Burn Blue“, ein Text, den ich zu Billy Strayhorns Komposition „Blood Count“ geschrieben habe. „My Flame Burns Blue“ hat ein wunderbares, wirklich schönes Arrangement von Vince Mendoza.

Concerto: Bereits der Opener, „Hora Decubitus“, entspricht einer musikalischen Reise.

Costello: Es ist eine Komposition von Charles Mingus in einem Arrangement von Mike Mossman, das für das Metropole Orkest adaptiert wurde. Das Orchster verfügt über sehr gute Solisten, was man auch wirklich hört. Dieses Album dreht sich nicht nur um meinen Gesang und die Arrangeure. Wir hatten eine gute Auswahl an Arrangements, die in den vergangenen elf, zwölf Jahren entwickelt und für diese Konzerte adaptiert wurden. Aber oben drauf gibt es noch das spontane Element der Solisten innerhalb des Metropole Orchesters, besonders bei „Hora Decubitus“ und dem Dave-Bartholomew-Song „That's How You Got Killed Before“.

Concerto: Auf Ihrem letzten Studio-Album, „The Delivery Man“, gibt es mit „Monkey To Man“ ein Tribute an Dave Bartholomew und Sie spielen auch seinen Song „The Monkey“ live.

Costello: Ich spiele Dave-Bartholomew-Songs seit einigen Jahren in Konzerten. „That’s How You Killed Before“ habe ich ursprünglich mit der Dirty Dozen Dirt Band („The New Orleans Album“, 1990) aufgenommen. Ich hab es vor kurzem wieder mit Dave Bartholomew und der Dirty Dozen Brass Band bei einem der Benefizkonzerte für die Opfer der Hurrikan-Katrina-Katastrophe gespielt. Es ist wunderbar, wenn man den Song mit der Person spielt, die ihn geschrieben hat. Aber ich denke, es würde Dave gefallen, wenn er das Metropole Orkest hört, wie es seinen Song spielt.

Concerto: Sie sind unlängst bei einem „Midnight Ramble“ (intimen Konzerten von Levon Helm, dem ehemaligen Drummer von The Band, in dessen Studio in Woodstock) aufgetreten.

Costello: Ja, richtig. Tatsächlich bin ich erst gestern Abend wieder mit Levon aufgetreten. Ich absolvierte einen Gastauftritt mit ihm, Jimmy Vivino und David Johansen, um Hubert Sumlin bei einem Howlin‘-Wolf-Tribute in New York zu begleiten. Ich hab Levon ein paar Mal in den vergangenen Wochen gesehen, er ist in großartiger Verfassung und wieder bei guter Stimme, nachdem er ziemlich krank war. Es ist wunderbar, ihn wieder spielen und singen zu hören. Es war ein wirklich wunderbarer Trip, nach Woodstock zu fahren und beim Ramble zu spielen. Es war eine besondere Nacht: Ich habe die ganze Zeit in der Band gespielt, oft nur Rhythmusgitarre und war glücklich das zu tun. Man hat nicht oft die Möglichkeit, so etwas zu machen. Es war wirklich etwas Besonders.

Concerto: Allen Toussaint hat auch die Bläserarrangements für „Rock Of Ages“, das Live-Album von The Band geschrieben.

Costello: Ja, es gibt da eine Verbindung. Allen war mit mir beim Ramble dabei. Wir haben ein paar der Nummern gespielt, die wir vergangenen November für ein Album aufgenommen haben, das „The River In Reverse“ heißt und im Juni rauskommt. (Lacht:) Wir haben eine Menge an Alben, die jetzt rauskommen!

Concerto: Sie haben „The River In Reverse“ in New Orleans und in Hollywood aufgenommen.

Costello: Wir begannen mit den Aufnahmen in den Sunset Studios in Hollywood und endeten in New Orleans. Das Album-Projekt entwickelte sich sehr schnell: Allen und ich traten nur wenige Woche nach der Hurrikan-Katastrophe gemeinsam miteinander auf, dann begannen wir über ein mögliches gemeinsames Album zu sprechen. Als das dann ins Laufen kam, mussten wir rausfinden, ob es möglich wäre, in New Orleans zu arbeiten. Zuerst sah es nicht so aus. Die Situation beim Wiederaufbau in New Orleans veränderte sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Dann konnten wir aber tatsächlich in den Piety Street Studios in New Orleans aufnehmen, und es war großartig. Allen kam für dieses Album nach Hause.

Concerto: Denken Sie New Orleans wird jemals wieder so sein wie früher?

Costello: Ich würde Allen nicht widersprechen, der einen festen Glauben an den Wiederaufbau hat, aus der Tatsache heraus, dass viel mehr Menschen zurückgekommen sind als erwartet. Manche er Leute, die am zynischsten sind und die nicht die beste Motivation haben, die Stadt wieder aufzubauen, würden vielleicht überrascht sein, dass die Einwohner von New Orleans verlangen, dass die Stadt wieder mehr so aussieht wie vor der Flut.

Es ist klar, dass die Bewohner von der Bundesregierung und wahrscheinlich auch von den lokalen Behörden furchtbar verraten wurde. Und dann wird natürlich nichts in die Stadt investiert, weil das Geld anderswo verwendet wird, für Kriege und für nichts, was mit den Bedürfnissen des Großteils der Bevölkerung zu tun hat.

Ich denke nicht, dass die Stadt wieder ganz so wie vorher sein kann, schließlich sprechen wir hier von einer jahrhundertelangen Geschichte. Manche Viertel werden nicht mehr aufgebaut oder ganz sicher nicht mehr aussehen wie früher. Aber eine Stadt setzt sich mindestens genau so aus den Menschen zusammen wie aus allem anderen. Deswegen denke ich, man muss hoffnungsvoll sein. Ich respektiere Allens Optimismus für die Stadt wirklich sehr.

Concerto: Sie sind vor Kurzem auch mit Emmylou Harris in der Grand Ole Opry in Nashville aufgetreten.

Costello: Ja, ich hatte eine ziemlich tolle Woche, beginnend Levons „Midnight Ramble“ in Woodstock. Dann nahm ich einen Song mit Tony Bennett für sein Jubiläumsalbum anlässlich seines 80. Geburtstags auf, und endete in der Grand Ole Opry. Und am Montag spielte ich mit Allen Toussaint. Ich habe eine ziemlich tolle Zeit mit all dieser unterschiedlichen, reichhaltigen Musik.

Ich habe vergangenes Jahr mit Emmylou live gespielt, es hat wirklich Spaß gemacht mit ihr auf Tournee zu gehen. Und jetzt war sie so nett, mich als ihren Gast in die Grand Ole Opry einzuladen. Es war ein ziemlich tolles Erlebnis mit ihr diese Songs (u.a. Klassiker des Duos Gram Parsons und Emmylou Harris wie „Wheels“ und „Love Hurts“) zu spielen. Was soll ich Ihnen sage, Sie hätten dabei sein sollen!

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Concerto, March 2006


Karl Gedlicka interviews Elvis Costello.

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