Der Spiegel, May 23, 2002

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Interview mit Elvis Costello: "Das Problem sind die Waffen"

Der britische Songwriter Elvis Costello sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine Rückkehr zum Rock, die Erotik schwarzer Musik und die Sinnlosigkeit, Popmusiker für Gewalttaten verantwortlich zu machen.

Andreas Kötter

SPIEGEL ONLINE: Mr. Costello, ein amerikanisches Musikmagazin hat über "When I Was Cruel" geschrieben: "Elvis Costello geht aus der Midlife-Krise mit seinem besten Album seit langem hervor"; mussten Sie in der Tat für dieses Album erst eine Krise überwinden?

Elvis Costello: Was diese Leute so schreiben. Ich habe mich in den letzten Jahren ganz sicher in keiner Krise befunden, im Gegenteil, in dieser Zeit hatte ich mit den verschiedensten Musikstilen und mit den unterschiedlichsten Künstlern die schönsten Erlebnisse, die sich ein Musiker nur wünschen kann. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass ich damals darauf verzichtet habe, laut Gitarre zu spielen. Das verneint aber die Arbeit, die ich beispielsweise mit der Italian Dance Company gemacht habe, in keiner Weise.

SPIEGEL ONLINE: An lauten Gitarren mangelt es "When I Was Cruel" sicher nicht, das Album scheint gleichsam mit der Tür ins Haus zu fallen, während Ihre letzten Arbeiten die Hörerschaft eher höflich eingeladen haben...

Costello: Das kann man durchaus so sagen. Die Musik, die ich zum Beispiel mit der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter gemacht habe, sollte den Zuhörer in eine Welt einladen, die wir neu geschaffen hatten. Der Tonfall dieser Musik war sehr sanft, sehr zärtlich. Komischerweise muss man ein Publikum darauf mehr vorbereiten als auf ein lautes, raues Album wie "When I Was Cruel".

SPIEGEL ONLINE: Befürchtete der einstige Punk-Rocker Elvis Costello zwischen Jazz und Kammerpop, zwischen Oper und Cameo-Auftritten in Filmen wie "Austin Powers" seine Identität zu verlieren?

Costello: Nein, das war ganz sicher nicht der Grund für "When I Was Cruel". Ich hatte nicht das Gefühl, der Welt etwas beweisen zu müssen, indem ich nun krampfhaft versuchen würde, das Gegenteil von dem zu machen, was ich in den letzten sechs, sieben Jahren getan habe. Ich verspürte einfach wieder Lust, laut und mit viel Energie Gitarre zu spielen. Also habe ich mir meine elektrische Silvertone-Gitarre geschnappt, dazu einen 15-Watt-Verstärker und eine billige Beatbox für Kinder mit großen orangefarbenen Knöpfen und habe angefangen, die neuen Songs zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Viele der neuen Songs scheinen aus einer sehr wütenden und zornigen Stimmung heraus entstanden zu sein...

Costello: Ich würde nicht unbedingt von Wut oder Zorn sprechen, eher von einem Bewusstsein der Absurdität. Viele Dinge, die heute geschehen, verstören mich. Das heißt aber nicht, dass ich "When I Was Cruel" als große moralische Plattform verstehe. Ich sage niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat, ich erzähle einfach nur von meinen Gefühlen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Dinge, die Sie verstören? Sie haben sicher von der Tragödie in Erfurt gehört, wo ein Schüler 16 Menschen und dann sich selbst erschossen hat; die Politik gibt nun neben den Medien auch der Musik von Rockbands wie Slipknot eine Mitschuld...

Costello: Ich muss die Musik dieser und ähnlicher Bands nicht mögen, um so einen Vorwurf für idiotisch und verantwortungslos zu halten. Niemand ist für eine solche Tragödie verantwortlich, wenn nicht die Leute, die Waffen produzieren und sie in Umlauf bringen. Das Problem sind die Waffen. Mit einer Waffe kann man einen Menschen töten, mit einer Schallplatte wohl kaum.

SPIEGEL ONLINE: "When I Was Cruel" lässt ahnen, dass Sie eine Menge an moderner R&B-Musik gehört haben müssen, eine Musik, die ebenfalls nicht unumstritten ist, weil auch dort bisweilen Waffen verherrlicht werden, beziehungsweise ein diffamierendes Frauenbild gezeichnet wird...

Costello: Es stimmt zunächst, dass ich sicherlich weit mehr an modernem R&B interessiert bin als an modernem Rock. Was die Inhalte anbelangt, bin ich natürlich nicht begeistert, der Mangel an Respekt vor dem weiblichen Geschlecht ist zum Beispiel mehr als nur ärgerlich. Das ändert aber nichts daran, dass mich diese Musik fasziniert, weil sie es versteht, modernste Technologien harmonisch miteinander zu verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Diese Faszination zeigt sich auch darin, dass Sie auf "When I Was Cruel" erstmals Sampling-Technologie eingesetzt haben; kostet das einen "gelernten" Rocker Überwindung?

Costello: Eigentlich nicht. Im Übrigen habe ich schon 1997 Synthesizer-Loops benutzt, zu dieser Zeit hörte ich häufig Musik von Kraftwerk. Dort, wo ich auf "When I Was Cruel" Loops und Samples eingesetzt habe, ist das auf eine sehr musikalische Weise geschehen, so, wie man auch ein Instrument einsetzen würde. Deshalb erscheint das Album dem Zuhörer auch so homogen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Songs wie "15 Petals" oder "Dust 2" sind Sie in der Tat schwarzer Musik so nahe gekommen wie nie zuvor. Diese Songs klingen darüber hinaus ungewöhnlich sexy...

Costello: Es ist durchaus eine Kompliment für mich, wenn jemand das so empfindet. Es war eine Reise nach Äthiopien, die mich zu "15 Petals" inspiriert hat. Als ich das Gefühl von Freiheit in der Musik dieses Landes gespürt habe, wollte ich unbedingt ein Liebeslied schreiben. Ein Liebeslied, das nicht sentimental ist, sondern sehr große Leidenschaft zum Ausdruck bringt. Wissen Sie, das ganze Geheimnis von "When I Was Cruel" ist, dass wir versucht haben, den Roll wiederzufinden, den der Rock'n'Roll schon lange verloren hat. Und genau das macht dieses Album auch sexy. Manche Leute denken bei meiner Musik an etwas sehr Kopflastiges, weil ich viele Worte in meinen Songs mache. Das ist aber gar nicht der Fall. Meine Musik ist durchaus geeignet für alle Teile des menschlichen Körpers, also auch für das Becken.

SPIEGEL ONLINE: Songs wie "Spooky Girlfriend" erinnern sehr an düsteren TripHop à la Portishead, man denkt an Edward Hoppers Gemälde "Nighthawks", an Bars am frühen Morgen, an einsame Männer, die vor einem leeren Glas sitzen...

Costello: Schön, dass Sie das so empfunden haben, denn genau das war meine Absicht. Ich wollte mit diesen Songs erreichen, dass sich dem Zuhörer solche Bilder und Stimmungen erschließen. Es geht mir um Imagination, einige Leute haben mir gesagt, dass sie an Filme wie "La Dolce Vita" denken, andere fühlten sich an die "James Bond"-Reihe erinnert. Dass verschiedene Menschen diese Songs auch verschieden wahrnehmen, empfinde ich als großes Glück, offensichtlich habe ich die Fähigkeit, mit meiner Musik Bilder und Filme beim Zuhörer entstehen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für die Imagination wichtiger, der Sound oder Ihre Texte?

Costello: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus Songs wie "Alibi", wo mir die Lyrics sehr wichtig sind, wo jedes einzelne Wort genau gewählt ist. Bei anderen Songs ist es eher die Musik, die ein Bild beim Zuhörer provozieren will. Die Worte sind dann eher wie eine Bedienungsanleitung für einen Videorekorder, der eine braucht sie, der andere kommt auch sehr gut ohne sie aus.

Das Interview führte Andreas Kötter

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Der Spiegel, May 23 2002


Andreas Kötter interviews EC.

Images

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Musiker Costello: "Wir haben versucht, den Roll im Rock'n'Roll wiederzufinden"

Interview with Elvis Costello: "The problem is the weapons'

The British songwriter Elvis Costello spoke with SPIEGEL ONLINE about his return to the rock, the eroticism of black music and the futility of making Pop responsible for acts of violence.

English via Google Translate...

SPIEGEL ONLINE: Mr. Costello, an American music magazine wrote this about "When I Was Cruel": "Elvis Costello goes from the mid-life crisis with his best album since a long time out"; You only had to overcome in fact, this album is a crisis?

Elvis Costello: What do these people write so. I certainly found myself in recent years in any crisis, on the contrary, in this time I had with a variety of musical styles and with a variety of artists, the most beautiful experiences that a musician could ever want. The only difference today is that I have then decided not to play loud guitar. But that negates the work I've done for example with the Italian Dance Company in any way.

SPIEGEL ONLINE: On loud guitars lacking "When I Was Cruel" certainly not, the album seems to speak to fall into the house with the door during your recent works have invited the audience rather polite ...

Costello: You can legitimately say so. The music I've made​​, for example, with mezzo-soprano Anne Sofie von Otter, should invite the listener into a world that we had created. The tone of the music was very gentle, very affectionate. Strangely, you have to prepare an audience it more than a loud, rough album like "When I Was Cruel".

SPIEGEL ONLINE: Feared the former punk rocker Elvis Costello between jazz and Kammerpop, between Opera and cameo appearances in such films as "Austin Powers" risk losing his identity?

Costello: No, that was certainly not the reason for "When I Was Cruel". I did not feel the need to prove something to the world, by now I would try desperately to do the opposite of what I've done in the last six, seven years. I just felt again like to play loud and with much energy guitar. So I grabbed my electric Silvertone guitar, plus a 15-watt amplifier and a cheap beatbox for children with big orange buttons and started to write new songs.

SPIEGEL ONLINE: Many of the new songs seem to have originated from a very furious and angry mood out ...

Costello: I would not necessarily speak of rage or anger, more of an awareness of the absurdity. Many things that are happening today, destroy me. But that does not mean I "When I Was Cruel" understand as great moral platform. I tell anyone what he has to do or not do, I'll tell you just about my feelings.

SPIEGEL ONLINE: What are those things that disturb you? You have surely heard about the tragedy in Erfurt, where a student has then shot 16 people and themselves; the policy is now next to the media and blame the music of rock bands such as Slipknot ...

Costello: I need the music of these and similar bands do not like to keep as a reproach for idiotic and irresponsible. No one is responsible for such a tragedy, if not the people who produce weapons and putting them into circulation. The problem is the weapons. With a weapon can kill a man with a record unlikely.

SPIEGEL ONLINE: "When I Was Cruel" foreshadows that you must have heard a lot of modern R & B music, a music that is also not without controversy, because there sometimes weapons are glorified, or a defamatory image of women is drawn .. ,

Costello: It is true, first, that I'm certainly far more interested in contemporary R & B than to modern rock. Regarding the content, I'm obviously not thrilled, the lack of respect for the female sex, for example, more than just annoying. This does not change the fact that I am fascinated by this music, because she knows how to harmoniously combine the latest technologies with each other.

SPIEGEL ONLINE: This fascination is reflected in the fact that you "What I Was Cruel" have used the first time sampling technology; costs that a "learned" Rocker overcome?

Costello: Not really. Incidentally, I used back in 1997 synth loops, at that time I often listened to music of Kraftwerk. Where I on "When I Was Cruel" loops and samples have used, this is done in a very musical way, as you would use an instrument. Therefore, the album the listener also appears as homogeneous.

SPIEGEL ONLINE: With songs like "15 Petals" or " Dust 2" You have come, in fact, black music as close as ever. These songs sound beyond unusually sexy ...

Costello: There is quite a compliment for me, if someone feels that way. It was a trip to Ethiopia, which has inspired me to "15 Petals". As I felt the feeling of freedom in the music of this country, I wanted to write a love song. A love song that is not sentimental, but very great passion expressed. You know, the whole mystery of "When I Was Cruel" is that we have tried to retrieve the roll, the rock and roll has lost long ago. And that's what makes this album even sexy. Some people think of my music to something very head-biased, because I do a lot of words in my songs. But this is not the case. My music is entirely suitable for all parts of the human body, thus also for the pool.

SPIEGEL ONLINE: Songs such as "Spooky Girlfriend" are very reminiscent of dark trip hop à la Portishead, you think of Edward Hopper's painting "Nighthawks" of bars in the early morning, at lonely men sitting before an empty glass .. ,

Costello: Glad you feel that way, because that was my intention. I wanted to achieve with these songs that the listener tap into those images and moods. I am concerned with imagination, some people have told me that they think of movies such as "La Dolce Vita", others felt the "James Bond" series recalls. That different people perceive these different songs and I feel very fortunate, obviously I have the ability to give rise to with my music, pictures and movies in the listener.

SPIEGEL ONLINE: What is more important for the imagination, the sound or lyrics?

Costello: That's very different. There are definitely songs like "Alibi", where the lyrics are very important to me, where every word is chosen carefully. In other songs, it's more the music that will provoke an image in the listener. The words are then more like an instruction manual for a VCR, the one she needs, the other is also very well without them.

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