Die Welt, December 1, 2008

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Sting und Costello scheitern in der Rock-Oper


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Jörg von Uthmann

Starauflauf in Paris: Die Popstars Sting und Elvis Costello traten am Théâtre du Châtelet in Paris gemeinsam in Steve Nieves Rock-Oper "Welcome to the Voice" auf. Das Stück handelt von der Liebe eines Arbeiters zu einer Operndiva. Bis auf Bargeklimper mit Disco-Klänge ist dabei leider wenig herausgekommen.

Das von der Stadt Paris subventionierte Théâtre du Châtelet war bis vor kurzem ein seriöser Konkurrent der beiden staatlichen Opernhäuser. Neuerdings setzt es mehr auf die leichte Muse. Die letzte Produktion, "Welcome to the Voice", war eine Rock-Oper mit Sting als Kassenmagnet.

Das Werk war im Juni 2000 in New York konzertant uraufgeführt worden; die Inszenierung in Paris war eine Weltpremiere. Dass dazwischen acht Jahre vergingen, dürfte mit der Banalität der Story zu tun haben: Dionysos, ein Arbeiter griechischer Herkunft, verliebt sich in eine Operndiva und die Musik, die sie singt.

Seine Kumpel versuchen, ihm die Allüren auszureden und erinnern ihn an die wahren Helden des Proletariats - "Rosa Lux, Zapata, Spartacus". Worauf er trotzig erwidert: "and Mozart". Als die Diva (Sylvia Schwartz) erscheint, erklärt er ihr seine Liebe; die Polizei schreitet ein und droht, ihn zu verhaften. Aber da entdeckt auch die Lady die Liebe zu ihrem Bewunderer.

Nun ist schon so manches banale Libretto durch die Musik geadelt worden. Bei "Welcome to the Voice" ist das leider nicht der Fall. Steve Nieve, der Klavierbegleiter von Elvis Costello (der im Châtelet den Polizisten sang), mag ein versierter Arrangeur sein.

Es reicht nicht zur Opernliteratur

Zu einer Opernpartitur reicht es nicht. Was wir zu hören bekamen, war ein Verschnitt von Bargeklimper und Disco-Klängen mit Anleihen aus Jazz und Klassik, der, kaum gehört, schon wieder dem Gedächtnis entschwindet. Sylvia Schwartz bewältigte ihre Spitzentöne und Koloraturen mit Anstand. Stings rauhes Gebell passte dazu wie die Faust aufs Auge. Der Begeisterung seiner Fans tat dies keinen Abbruch. Doch darf vermutet werden, dass der Beginn seiner Opernkarriere zugleich auch deren Ende war.

Zu seinem 65. Geburtstag hat sich Gérard Mortier, der scheidende Intendant der Pariser Oper, eine neue Inszenierung geschenkt. Dass "Fidelio", das erwählte Werk, in Spanien spielt, wo ihn sein nächster Job erwartet, war Zufall. Johan Simons, der Regisseur, hatte vor zwei Jahren mit einem in die Ukraine verlegten "Simone Boccanegra" unliebsames Aufsehen erregt. Sein "Fidelio" orientiert sich dankenswerterweise am Libretto.

Nur das Bühnenbild (Jan Versweyveld) wurde verjüngt: Statt der herkömmlichen Festung finden wir eine Anstalt mit allen Schikanen des modernen Strafvollzugs. Der Dolch, den der Bösewicht Don Pizarro am Laptop zückt, passt dazu allerdings schlecht. Auch die Schippen, mit denen Rocco und Leonore zu ihrem prominentesten Gefangenen hinuntersteigen, wirken in dem High-Tech-Ambiente sonderbar anachronistisch. In dem berühmten, von Leonard Bernstein dirigierten Wiener "Fidelio" brach meine Begleiterin nach der Befreiung Florestans in Tränen aus. Sie war nicht die einzige.

Dass in Paris jedes Auge trocken blieb, hatte nicht nur mit der klinischen Kühle des Dekors zu tun. Auch Sylvain Cambreling scheint mehr am sauberen Ausbuchstabieren der Partitur als an Emotionen interessiert. Die effektvolle E-dur-Ouvertüre vertauscht er gegen "Leonore I", eine von Beethoven aus gutem Grund verworfene ältere Fassung. "Leonore III", seit Gustav Mahler üblicherweise vor dem Schlussbild gespielt, die mitreißendste der vier Ouvertüren, die das Geschehen noch einmal zusammenfasst, ist ersatzlos gestrichen.

Erfahrene Regisseure pflegen das biedere Libretto bis auf ein zur Überbrückung zwischen den Musiknummern unumgängliches Minimum zusammenzustreichen. Nicht in Paris. Mortier hat den in Frankfurt beheimateten Schriftsteller Martin Mosebach gebeten, die Dialoge der heutigen Umgangssprache anzupassen.

Mosebach schrieb zwanglos

Mosebach hat sich keinen Zwang angetan. Marzelline darf sich über die haarigen Männer auslassen, von denen sich der glatte Fidelio so angenehm unterscheidet. Jacquino, ihr unglücklicher Verehrer, brüllt, nicht auf die Liebe der Braut komme es an, sondern auf das Einverständnis des Schwiegervaters: "Die Ehe ist eine Firma!"

Rocco klagt über die Schattenseiten seines Berufs, und Pizarro betont, die Beseitigung Florestans geschehe im Auftrag des Ministers. (Auf diese eigenwillige Deutung verfiel Mosebach, da Jean-Nicolas Bouilly, der Verfasser des der Oper zugrunde liegenden Theaterstücks, während der Revolution als Richter einige politische Todesurteile fällte.) Ist die Geschichte durch die Aktualisierung überzeugender geworden? Nein. Die neuen Dialoge sind genauso platt wie die alten - ohne deren schuldmindernde Patina.

Angela Denoke in der Titelrolle ist schlank genug, um als Mann durchzugehen. Aber ihre Stimme ist zu schmal: Wenn es hochdramatisch wird, geht der Fokus verloren; Vokale verfärben sich, die Intonation gerät ins Schleudern. Der Held des Abends ist Jonas Kaufmann: Er bewältigt Florestans lyrische Partien ebenso mühelos wie seine ekstatischen Ausbrüche. Franz-Josef Selig ist ein sonorer Rocco, Julia Kleiter eine etwas blasse Marzelline, Alan Held ein schneidender Pizarro. Ales Brisceins exotisches Deutsch zieht Jacquinos Reflexionen über die Ehe ins unfreiwillig Komische.

"Welcome to the Voice": mit Sting und Barbara Bonney als CD bei der Deutschen Grammophon; "Fidelio": noch bis zum 21.Dezember.

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Die Welt, December 1, 2008


Jörg von Uthmann reviews Elvis Costello and Sting in Welcome To The Voice at the Chatelet Theater, Paris, France.

Images

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Zwei rockstars singen Oper: Sting (links) und Elvis Costello versuchten sich Ende 2008 am Chatelet Theater in Paris.
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Das werk Welcome To The Voice hatte der Komponist Steve Nieve (rechts neben Sting) geschrieben.

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