Die Weltwoche, June 18, 2008

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Die Weltwoche

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Pop

Weisse Jeans aus Austin

Die fleissigste Band aus Texas. Und das schönste, das traurigste und das härteste Album der Welt. Na ja, fast.

Albert Kuhn

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Blut, Schweiss und Tränen

Von Albert Kuhn _Das SXSW (South by Southwest) im texanischen Austin ist ein sportlicher Anlass mit 2200 Teams - ganz ohne T-Shirt-Reglement, dafür mit einem plausibleren Fanmeile-Konzept als bei der Euro 08: Fans unmittelbar vor der Action statt in sponsordesignten Abjubelzonen. Eine der Hauptattraktionen der Mitte März stattfindenden Megamusikmesse war eine einheimische Band namens White Denim. Wer da Zuhälter vermutet, könnte nicht falscher liegen - es handelt sich um vom Truck gefallene Trucker mit musikkompatiblem Hirnschaden, denen alles einfiele, ausser sich in weissen Jeans vorzuführen.

Punkig-eckig beginnt das Fest mit dem Hit: Der einfache, aber ungehörte, sich unfertig anfühlende Gitarrenriff von «Let's Talk About It» prescht durch den halben Song, gehetzt von energischen Drums, konterkariert von einem knarzenden Bass, niedergeschrien von einem Sänger, der häufig klingt wie Mando Diaos Björn Dixgård. Der Song klingt sogar durchs Telefon gut.

Bald macht man es sich mit der Vermutung bequem, hier sei eine aufgefrischt new-wavige Devo- und Minutemen-Coverband am Werk - da wird mit «Sitting» eine Pianonummer quergelegt, wo sich barer Soul entfalten darf. Das zieht sich nun hymnisch, rockend und zunehmend psychedelisch durch die weiteren Songs: Das aufrührerische «I Can Tell You» verwendet einen oder zwei Beatles-Tricks, «Mess Your Hair Up» klingt nach ei-ner unbekannten Frühfunkband, die auf kei-nem Woodstock-Album erschienen ist, und das liebliche «Heart From All of Us» entfaltet einen Reichtum, den man White Denim zehn Minuten zuvor nie zugetraut hätte. Bis zu «IEIEI», dem letzten Song. Abhörbar auf www.jackpotbaby.de/?p=1833.

Diese Band arbeitet hart. Mampft sich nicht mit einem einzigen Groove durch ihr Repertoire, sondern versucht in jedem Song etwas Neues. Plötzlich klingts repetitiv und nach Elektro wie LCD Soundsystem, dabei entsteht das Elektrische nur durch reine Übertreibung, Verzerrung und Überlagerung von bloss drei Instrumenten. Der Bogen dieses Albums führt von explosiven Drei-Minuten-Tabletten über Soulkracher in Ausflipp- und Abhängphasen inklusive zerfasernder Stellen. Wer dies als Erlahmung begreift, kommt in keinen Himmel.

Nicht allzu ungeduldig hat man die neue Coldplay erwartet. Haben uns die ersten zwei Werke zu Tränen gerührt und das dritte zu Tränen gelangweilt, überrascht nun das vierte mit keiner raffinierten Kehrtwendung, sondern mit einer genialen Zuspitzung aller Coldplay-Vorurteile: das Ja zum Stadium, das Ja zur intimen Ballade, das Ja zum U2-Vergleich. Dazu liessen Coldplay ihr neustes Ding superschlau von Brian Eno produzieren - je-nem U2-Produzenten also, dessen Legende U2 übersteigt. Schön und gegen den Strich hat der New Musical Express die Geheimnisse der neuen Coldplay beschrieben: Die Band halte sich selber für den Erben von supercoolen Eighties-Bands wie den Cocteau Twins oder My Bloody Valentine. Dabei könne sie nichts anderes als schimmernden Mainstream produzieren, flösse darin aber tropfenweise progressive Elementarteilchen in das Unbewusste der Inselnation. Wer «Violet Hill» hört, weiss wie. Coldplay 2008: ruhiger, weicher, monumentaler, besser. Und Chris Martin singt wie unser Young God Franz Treichler.

Joan as Police Woman (zivil: Joan Wasser) führt uns erneut in die subtilsten Regionen unserer Inneneinrichtung. Joans Songs schöpfen aus dem Trauma ihrer Verluste - erst Freund Jeff Buckley (er schrieb «Everybody Here Wants You» für sie) und letztes Jahr ihre Mutter. Dies ist der Soundtrack von Einsamkeit. Musik zum Heulen, zuerst, dann zum Aufhören mit Heulen und schliesslich zur Wiederbeschäftigung mit der Welt in «To America».

Elvis Costello, die ewige Nummer zwei. Der altert aber immer besser. Altpunks und Neu-New-Waver hören kaum noch seine alten, brillanten Platten, ein Hin und Her zwischen heftigstem Rock 'n' Wave und herzzerreissendstem Schmalz 'n' Country. Er kann schlicht zu viel. 2008 macht er alles aufs Mal, und zwar mit seinen genialen, uralten Imposters, die er schon 1981 in Montreux dabeihatte. Im Opener «No Hiding Place» spielt er mit Nashville, aber bringt im Killermoment den unerwarteten Moll-Akkord. In «American Gangster Time» rückt er näher an Punk und Degout 1979, kommentiert von Steve Nieves fieser Farfisa. In «Turpentine» fabriziert er wieder einmal Progressivpop der gelenkigsten Sorte. Ja, dies ist Mister Wendigkeit, der Schmidtchen Schleicher des Ultrapop eine der grössten Songfabriken Englands , der seine Seele dem Songwriterteufel verkauft hat.

Witch ist eine Band, wo J. Mascis an den Drums sitzt. Er, der Gitarrengott von Dinosaur Jr., der kürzlich das Zürcher «Abart» in zuckende Verzückung versetzte. Witch ist eine Jam-Band, man nimmt sich einen alten Black-Sabbath-Riff ans Herz, dreht ihn durch die eigene Mangel und guckt einfach, dass alle miteinander aufhören. Höllisch gut.

White Denim: Workout Holiday. Musikvertrieb

Coldplay: Viva La Vida. EMI

Joan as Police Woman: To Survive. Musikvertrieb

Elvis Costello: Momofuku. Universal

Witch: Paralyzed. Tee Pee Records

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Die Weltwoche, June 18, 2008: Issue 2008/25


Albert Kuhn reviews Momofuku.

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2008-06-18 Die Weltwoche cover.jpg
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