Die Zeit, April 15, 1994

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Die Zeit

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Konrad Heidkamp

Peng! Wow! Elvis brüllt, Elvis schreit: „Zwanzig Prozent Amnesia". Mit der Wut der Verzweiflung schlägt er uns die zwanzig Prozent um die Ohren, die wir regelmäßig vergessen, die daran schuld sind, daß wir das nächste Mal wieder zur Wahl gehen, wieder wissen, wen wir wählen, und uns wieder unsicher sind, ob es der Richtige ist.

Elvis Costello ist der Typ, der seit 1977 böse Lieder zur Liebe und Politik mit schönen Melodien unterlegt, der abwechselnd vom falschen Publikum geliebt wird. Die einen goutieren seine beatlesinatrasoulgrundierten Songs und überhören die Texte, die anderen genießen die Wortkaskaden und vermissen musikalischen Wagemut.

Brutal Youth heißt sein fünfzehntes Album, und unser Held hat sich nach acht Jahren Pause wieder mit jenen berüchtigten Attractions verbunden, die den Aufstieg des Declan MacManus alias Elvis Costello seit New-Wave-Zeiten begleiten. Ah, endlich! jubelt die englische Presse, endlich, nach all den verqueren, kunstvollen Konstrukten, die im letzten Jahr in der Zusammenarbeit mit dem Brodsky-Streichquartett gipfelten.

This is hell", schmeichelt die Stimme, „I am sorry to teil", und natürlich tut es ihm überhaupt nicht leid. Fünfzehn Songs hat er diesmal direkt aus dem Kopf, aus dem Herz in die Schreibmaschine gedacht und gehämmert, das Beatogramm eines „wütenden Buchhalters", wie ihn der Bassist Nick Lowe einmal beschrieben hat. Das Gefühl oder die Wut – es ist das Mißtrauen, das beide zu jener schneidenden Sentimentalität verbindet, die Elvis Costello so unvergleichlich macht. Und dazu diese eingängigen Melodien, die ihm früher den Vorwurf einbrachten, die Geschichte der Popmusik zu plündern, und jetzt – wunderbarerweise – so klingen, als zitiere er nur Elvis Costello.

Fünfzehn Songs, das reine Costello-Destillat, hit- und mitsingverdächtig, wäre da nicht diese sensible Aggressivität der Stimme, die mehr verrät als jeder Text. Klingt wie Elvis Costello, klingt wie Brian Wilson, wie Bruce Hornsby, wie Willie Dixon...

Trios ist die logische Fortsetzung eines Konzepts, das 1983 mit (Bass-)„Solos" begann, dem 1988 die einfühlsame CD „Duos" folgte, mit Lou Reed, Rickie Lee Jones, Bobby McFerrin oder Aaron Neville. Man muß solche Sampler nicht lieben, zu denen sie sich gegenseitig einladen wie Moderatoren andere Moderatoren und nur die Titel austauschen. Rob Wassermans Trios wird zur rühmlichen Ausnahme, zum Insider-Hit – dies sei ausnahmsweise vorhergesagt – weil er die richtigen Gäste einlädt und, wie der Hausbassist eines Jazzlokals, für jeden den passenden Ton findet, ohne sich selbst zu vergessen.

Da trifft der wiederauferstandene, legendäre Beach Boy Brian Wilson seine Tochter Carnie Wilson zu einem himmlischen „Fantasy Is Reality", Elvis Costello swingt mit Marc Ribot zu einem Hot-Club-of-France-Treffen der dreißiger Jahre, Willie Dixon schlägt und reibt seinen Bluesbaß und brummt dazu „I’ll play cool and you play wild", Joan Jeanrenaud, Cellistin des Kronos Quartetts, zupft als Mitglied eines imaginären Zigeunertrios, die Gitarren und Stimmen von Neil Young und Bob Weir grummein den Ohrwurm „Easy Answers" und dazwischen der elektrische Standbaß von Rob Wasserman in Soloauftritten – Höhepunkte und Zwischenspiele in einem.

Fast spielt sie sich von selbst, diese CD. „Ah, das ist doch ... ah, Rob Wasserman... Ah, Trios...!" Bei jedem Essen, jeder Party oder abends allein. Jazz, Rock, Folk, ah, der Klang macht die Musik. Ah, endlich, Erfolg!

Elvis Costello: Brutal Youth, Warner Bros. 9362-45535-2

Rob Wasserman: Trios, MCA 11105-4022-2

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Die Zeit, April 15, 1994


Konrad Heidkamp reviews Brutal Youth and Rob Wasserman's Trios.


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