Die Zeit, May 12, 1999

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Die Zeit

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Diese nutzlose Schönheit


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   Konrad Heidkamp

Elvis Costello, der traurige Ritter des Songs, geht mit dem Pianisten Steve Nieve auf Welttournee

Ja, so ist es. Alle paar Jahre treffen wir uns im Club der einsamen Lieder, Männer weinen, Frauen werfen Rosen, so sind diese Konzerte. "Ja," und Elvis Costello erzählt von jenem Mann, der zum letzten Mal durchs Haus streift, "und morgen gehört die Hälfte seiner Frau." Die feingliedrigen Hände des Pianisten greifen geschmackvoll getragene Akkorde: "This House is Empty Now" verströmt bacharachrosigen This Girl's in Love with You -Duft. So ist das mit dem feinen musikalischen Humor, wenn der Entertainer Declan MacManus über Beziehungen singt.

Wieder steht er in Hamburgs gediegener Musikhalle — mit seiner krachledernen Begleitgruppe The Attractions wird er immer in die Große Freiheit verbannt -, nur sein Pianist Steve Nieve begleitet ihn auf der konzertanten Welttournee durch ein Repertoire, das mittlerweile zwanzig Jahre umfaßt. Soll man das unverminderte Produktionstempo seiner Songschmiede bewundern oder den bitteren Witz, mit dem er der Liebe in allen Abarten begegnet, die Standfestigkeit der ehemaligen Buddy-Holly-Kopie oder die stilistischen Wandlungen, denen er seine Gefühle unterwirft?


Elvis Costello ist zu intelligent, um jemals wirklich Rockstar zu werden, zu mißtrauisch, um je echte Gefühle vortäuschen zu können, er kennt die musikalische Vergangenheit zu gut, um jemals anderes als das Markenzeichen "Elvis Costello" zu schaffen. Und so schenkt er — Sammler des exquisiten Abfalls — zusammengesetzte Melodien und Emotionen, präsentiert sie mit einer Distanz, die Wirkung erst ermöglicht, diese aber zugleich vor dem Letzten zurückschrecken läßt. Seelenvolle Männermusik: nahe genug, um von sich selbst gerührt zu sein, fern genug, um nicht wirklich zu weinen.

Als Mix aus Woody Allen und Torsten Müller steht er auf der Bühne, wringt die Hände zu All this Useless Beauty, erzählt von der Zusammenarbeit mit dem Komponisten und wiederentdeckten Popmusikgenie Burt Bacharach, singt aus dem gefeierten Gemeinschaftswerk Painted from Memory. Ähnlichkeiten zwischen den beiden mögen sich finden lassen, vor allem in jenen kleinen Rissen und Brüchen, die einen Popsong zum Kunstwerk machen, einfach indem man einen Takt wegnimmt, einen Bruch in der Melodie verursacht, wo es gerade so glatt lief, auf einen verführerischen Harmoniewechsel verzichtet, um die Spannung noch anzuhalten. Profi-Tricks oder, wie Burt Bacharach einmal konstatierte: "In einem 40-Minuten-Stück kannst du einen Mord vertuschen — nicht aber in dreieinhalb Minuten."

Merkwürdig, immer dann, wenn der beschwingte Bacharach-Refrain sich im Ohr niederlassen wollte, vermißte man jene Gleichzeitigkeit aus Ernst und Frivolität, die unseren Costello zum Mann für alle Tageszeiten machte. So war es. Es war zu wenig.

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Die Zeit, May 12, 1999


Konrad Heidkamp reviews Elvis Costello and Steve Nieve, Wednesday. May 5, 1999, Musikhalle, Hamburg, Germany.


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