Frankfurter Allgemeine Zeitung, October 24, 2003

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Elvis Costello

Diese Schönheit ist gefährlich

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren zählt der Elvis Costello zu den großen Verwandlungskünstlern des Pop. Das neue Album „North“ ist sein Meisterstück: ein fulminantes Panorama der Lust am Leid.

Andreas Fruit

Diese Platte schließt mehrere Lücken. Sie verbindet Nacht und Tag genau an der Stelle, da die Unterschiede verwischen, man nicht mehr weiß, wie spät es ist. Es ist die Zeit, da die Müdigkeit übermächtig wird, die Zunge schwer ist und man Dinge sagt, die man bei Tageslicht prompt bereut. Die Musik auf dieser Platte ist gefährlich, denn sie könnte zu unüberlegten Handlungen anleiten. Sie bietet jede Menge Stoff für letzte Gespräche, und man stellt sich vor, wie Paare spät in der Nacht an der Bar sitzen und die Monologe dieser Lieder nachsprechen. Vielleicht singen sie die Worte sogar, es könnte dann sein wie in dem Kinofilm "Magnolia", wenn die Protagonisten plötzlich aus ihren Rollen treten und jeder für sich Aimee Manns bittere Ballade "Wise Up" anstimmt - über die Verhältnisse, die so sind, weil sie eben so sind.

Diese Musik ist deshalb so gefährlich, weil sie schön ist. Sie umhüllt die kahlen Worte mit Wärme: Streicher schmeicheln, Klavierakkorde rollen, der Baß tupft, ein Schlagzeugbesen wischt, und ein ums andere Mal finden sich Bläser zusammen, um schützend vor die Verse zu treten, die Nacktheit der Verzweiflung. In ihrer Schönheit suggerieren diese Klanggewänder, daß es irgendwann auch wieder aufwärtsgeht. Wenn solche Musik von Abgründen erzählt, kann es nicht ganz so schlimm sein zu stürzen. Und schließlich spielt diese Platte gleichsam im Vorübergehen mit dem Klischee des grüblerischen Nordmenschen, der aus Gewohnheitstristesse nachts in der Kneipe sitzt und schwere Gedanken denkt, bei denen gelegentlich auch die eine oder andere Trennung herausspringt. Warum er das Album "North" genannt habe, wurde Elvis Costello gefragt, der auf dem Cover mit wehenden Mantelschößen über eine leere, regennasse Straße eilt. "Dahin bin ich unterwegs", antwortete er.

Verwandlungskünstler

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren zählt der Engländer zu den großen Verwandlungskünstlern des Pop. Kein anderer würde einem auf Anhieb einfallen, dessen OEuvre ähnlich weit gespannt ist. Bei ihm reicht es von spätem Punk über frühen Soul und Rock. Costello musizierte mit dem Gitarristen Bill Frisell flirrenden Country-Jazz, umkreiste im Duett mit der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter zeitlose Pop-Preziosen ("For the Stars") und vertiefte sich zusammen mit dem fast doppelt so alten Burt Bacharach in die Kunst des Evergreens. Die dabei entstandene Platte "Painted From Memory" steht dem neuen Album stilistisch am nächsten.

Doch diesmal hat Costello ganz allein am Lied gearbeitet. Es ist sein Meisterstück. Ein Zyklus aus elf Nachtstücken über die Liebe, von denen jedes für sich allein stehen könnte, doch erst zusammen bilden sie ein fulminantes Panorama der Lust am Leid. Musikalisch wurzeln alle im Swing, der größten Zeit für traurigste Lieder. Auf "North" wird das Spiel mit der Epoche zum ganz eigenen Stilprinzip.

Exzellente Mitspieler

Für die Aufnahme hat sich Costello exzellenter Mitspieler versichert. Das Gerüst bilden sein langjähriger Pianist Steve Nieve, der Schlagzeuger Peter Erskine und der Kontrabassist Mike Formanek. Unprätentiöse Beiträge liefern der Jazzsaxophonist Lee Konitz und das englische Brodsky Quartet, mit dem Costello vor zehn Jahren die wunderbaren "Juliet Letters" aufgenommen hat - eine Variation über Shakespeares "Romeo und Julia". Über allem tönt Costellos Gesangsstimme, die aus ihrer prinzipiellen Unvollkommenheit das Beste macht, was diese Lieder brauchen können: Zerbrochenheit wird Klang.

Nicht zuletzt ist das Album ein im Pop seltenes Plädoyer fürs Musizieren. In jedem Augenblick wird deutlich, daß die Musiker einander bei der Aufnahme zugehört haben. Ihre Konzentration überträgt sich ganz selbstverständlich auf den Zuhörer. "North" ist somit nichts weniger als eine Hörschule über die Musik. Und über die Liebe.

Elvis Costello, North. Deutsche Grammophon 980 916-5 (Universal)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2003, Nr. 248 / Seite 43

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, October 24, 2003


Andreas Fruit reviews North.

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2003-10-24 FAZ photo 01.jpg
Plädoyer fürs Musizieren: Elvis Costello

Elvis Costello

This beauty is dangerous

For more than twenty-five years of Elvis Costello is one of the great change artists of pop. The new album "North" is his masterpiece: a brilliant panorama of pleasure in the suffering..

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This album includes a plurality of gaps. It connects night and day at the exact spot as the differences blur, not knowing what time it is. It is the time when the fatigue is overpowering, the tongue is heavy and you say things that you regret promptly at daylight. The music on this record is dangerous because it could guide to rash actions. It provides plenty of ammunition for last conversations, and one imagines how couples sit late into the night at the bar and repeat the monologues of these songs. Maybe they sing the words even, it could be like in the movie "Magnolia" when the protagonist suddenly step out of their roles, and each bitter for themselves Aimee Mann's ballad "Wise Up" intones - about the relationships that are so because they are just so.

This music is so dangerous because it is beautiful. It coats the bare words with heat Strings flatter, rolling piano chords, the bass dabs, a drum brushes wipes, and time after time to wind along to protectively to come before the verses, the nakedness of despair. In her beauty suggest this sound robes that at some point upwards goes again. If such music precipices told, it may not be quite as bad to fall. And finally, this record plays as if in passing, with the stereotype of the brooding North man who sits at night out of habit sadly in the pub and heavy thoughts thinks in which occasionally pops out even one way or another separation. Why did he have called the album "North", Elvis Costello was asked, hurrying on the cover with waving raincoat over an empty, rain-slicked road. "Where I am on the road," he replied.

Metamorphosis

For more than twenty-five years of English is one of the great change artists of pop. No one else would come to mind right off the bat, whose oeuvre is a similar distance stretched. With him it is from late punk to early soul and rock. Costello performed with guitarist Bill Frisell shimmering Country Jazz, circled in a duet with the Swedish mezzo-soprano Anne Sofie von Otter timeless pop gems ("For the Stars") and deepened along with the nearly twice as old Burt Bacharach in the art of evergreens. The produced album "Painted From Memory" is the new album stylistically closest. Yet this time Costello has worked quite alone on the song. It is his masterpiece. A cycle of eleven night pieces about love, each of which could stand alone, but only together they form a brilliant panorama of pleasure in the suffering. Musically, all rooted in swing, the biggest time for saddest songs. On the "North" is the game with the era to his own style principle.

Outstanding players

For the recording itself Costello excellent player has insured. The skeleton form his longtime pianist Steve Nieve, drummer Peter Erskine and bassist Mike Formanek. Unpretentious contributions provide the jazz saxophonist Lee Konitz and the English Brodsky Quartet, with the Costello ten years ago, the wonderful "Juliet Letters" has taken - a variation on Shakespeare's "Romeo and Juliet". Over all sounds Costello's vocal that makes their basic imperfection is the best thing to do these songs: brokenness is sound. Finally, the album is a rare plea for the pop music. At any moment it is clear that the musicians listened to each other in the recording. Your concentration carries over quite naturally to the listener. "North" is thus nothing less than a Hörschule about the music. And about love.

Elvis Costello, North. German Grammophon 980916-5 (Universal)

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2003, No. 248 / Page 43

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