Hamburger Abendblatt, May 30, 2012

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Hamburger Abendblatt

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Costello: "Wir nehmen uns selbst auf die Schippe"

Wenn Elvis Costello am 3. Juni mit Band in Hamburg spielt, entscheidet ein Glücksrad über die Auswahl der Songs. 150 Titel stehen zur Verfügung.

Heinrich Oehmsen

New York. Er ist in der Hansestadt seit mehr als zehn Jahren nicht mehr live aufgetreten: Am 3. Juni kommt Elvis Costello im Rahmen seiner "Spinning Wheel"-Tour zu einem einzigen Deutschland-Konzert ins CCH. Das Abendblatt hat mit dem 57 Jahre alten Musiker in New York gesprochen, wo er mit seiner Frau, der Pianistin Diana Krall, und seinen beiden Kindern lebt. Im 35. Stock des Hotels Mandarin Oriental mit einem herrlichen Blick auf den Central Park begegnet uns ein grundsympathischer und freundlicher Mann mit Hut und der typischen Brille. Nach dem Interview hat Costello einen Zahnarzttermin. Sollte er während des Gesprächs Zahnschmerzen haben, lässt er sich das zumindest nicht anmerken.

MULTIMEDIA ROCK, POP, JAZZ title Hamburgs Konzertkalender Hamburger Abendblatt: Mr. Costello, Sie können auf eine 35 Jahre dauernde Karriere zurückblicken. Würden Sie diesen Weg heute so noch einmal gehen?

Elvis Costello: Mein Großvater war Musiker, mein Vater ebenfalls. Es liegt so etwas wie eine Berufung in meiner Familie. Aber ich weiß nicht, ob ich heute noch mal beginnen möchte, weil die kommerziellen Umstände immer schwieriger geworden sind. Mit Berufung allein schafft man es nicht. Ich habe sicher Glück gehabt, aber ich arbeite auch hart dafür, vielleicht härter als andere.

Aber einen guten Song zu schreiben hat nichts mit harter Arbeit zu tun. Man muss ein besonderes Gespür haben ...

Costello: Harte Arbeit gehört auch dazu. Das Songschreiben steht bei mir gerade nicht an erster Stelle, sondern die Auftritte. Ich habe so viele Songs geschrieben, dass ich eine Woche lang spielen könnte, ohne mich zu wiederholen.

Spüren Sie nicht den Zwang, Erfahrungen und Erlebnisse immer wieder in neue Songs zu packen?

Costello: Ich glaube nicht, dass ich dauernd über mein Leben berichten muss. Ich bin kein Nachrichtensprecher, sondern ein Songschreiber. Viele Dinge wie der kürzliche Tod meines Vaters sind zu persönlich, um darüber zu schreiben. Manchmal braucht es den Abstand von zehn Jahren, um gewesene Ereignisse emotional in einem Lied zu reflektieren. Es geht weniger um eine hemmungslose Preisgabe, sondern mehr um eine allgemeingültige Essenz.

Ihr Vater stand Ihnen sehr nahe.

Costello: Ja. Ich habe von ihm eine Menge gelernt, obwohl ich als Musiker einen ganz anderen Weg eingeschlagen habe, als er es getan hat. Mein Vater hat in den 50er- und 60er-Jahren in verschiedenen erfolgreichen Jazzorchestern gesungen und Trompete gespielt. Er wusste sehr genau, wie man eine Show zusammenstellt.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass er Ihnen von oben zusieht?

Costello: Es gibt Momente, in denen man so etwas fühlt oder heraufbeschwören möchte. Aber wichtiger als das Gefühl, dass er mich weiter beobachtet, sind all die Dinge, die er mich gelehrt hat. Ich habe ihn als Kind oft auf der Bühne erlebt oder ihn im Radio gehört. Das war sehr prägend, auch in Hinblick auf meine musikalische Sozialisation.

Mit welcher Musik sind Sie denn groß geworden?

Costello: Vor allem mit Jazz. Als Teenager dann mit britischer Beatmusik. Ich habe damals viel Singles gehört: von den Beatles, den Hollies, den Kinks. Erst als ich 16 war, habe ich meine erste Langspielplatte gekauft. Rock 'n' Roll und Elvis Presley habe ich erst durch die Beatles entdeckt.

Auch wenn Sie die Trauer um Ihren Vater aktuell nicht in einem Lied ausgedrückt haben, gab es doch Ereignisse, in denen Sie sehr schnell als Musiker reagiert haben, wie in "Shipbuilding", das 1982 während des Falklandkrieges geschrieben wurde. In Ihrem jüngsten Album "National Ransom" behandeln Sie ebenfalls gesellschaftspolitische Themen. Im Titelsong heißt es: "Wir arbeiten jeden Tag, um das nationale Lösegeld zu bezahlen." Was bedeutet das?

Costello: Der Titel "Nationales Lösegeld" macht deutlich, dass es um eine Betrachtung der merkwürdigen Umstände geht, dass eine kleine Gruppe von nicht sehr ehrenhaften Leuten in den Rating-Agenturen über den Wert einer ganzen Gesellschaft entscheidet. Aber wir sind alle Teil des Problems, weil wir etwas wollten, das wir uns nicht leisten konnten.

Ist der böse Wolf auf dem Cover von "National Ransom" der böse Börsenspekulant?

Costello: Es ist einfach, mit dem Finger auf den bösen Wolf zu zeigen, aber wir befinden uns leider nicht in einer schwarzen Komödie. Die Wirklichkeit ist leider sehr viel komplizierter. Wir stecken in einem Dilemma, das nicht leicht aufzuschlüsseln ist.

Werden diese neuen Songs Hauptbestandteil der aktuellen Tournee sein?

Costello: Nein. Die "Spinning Wheel"-Tournee basiert auf dem Zufall und den Entscheidungen des Publikums.

Das Konzert als Wunschkonzert also?

Costello: In gewissem Sinne, ja. Es gibt ein Glücksrad auf der Bühne, das Zuschauer drehen dürfen. Der Song, bei dem das Rad stehen bleibt, den spielen wir dann. Es ist ein Element von Vaudeville-Shows, das mir sehr gut gefällt. Wir haben zum Beispiel auch eine Tänzerin in einem Käfig auf der Bühne, was vielleicht bei einigen Leuten Anstoß erregt. Aber wir nehmen uns mit dieser Show auch selbst auf die Schippe.

Wie viele Titel haben Sie vorbereitet?

Costello: Etwa 150 aus meiner ganzen Karriere. Mit Steve Nieve, unserem Keyboarder, und Schlagzeuger Pete Thomas spiele ich schon seit den 70er-Jahren zusammen. Die kennen die Songs. Für zwei oder drei Songs, die ich länger nicht gesungen habe, stelle ich einen Notenständer auf. Aber das ist die Ausnahme.

Sie scheinen zurzeit sehr gefragt zu sein. Sie waren an vielen verschiedenen Projekten beteiligt, wie "Chimes Of Freedom", einer Tribute-CD für Amnesty International, oder dem Konzert zum 100. Geburtstag des Blues-Musikers Robert Johnson.

Costello: Das täuscht. Ich nehme nicht an vielen großen Events teil. Dieses Jahr zum Beispiel war ich bei den Grammys nur als Zuschauer, weil meine Frau Diana Krall dort zusammen mit Paul McCartney aufgetreten ist. Diese Zuschauerrolle hat großen Spaß gemacht. Und beim Konzert für Robert Johnson, einem meiner ersten öffentlichen Auftritte nach dem Tod meines Vaters, herrschte ein besonderer Geist, und es war ein Stück Trauerarbeit. Jetzt kann ich wieder auf die Bühne zurück.

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Hamburger Abendblatt, May 30, 2012


Heinrich Oehmsen previews Elvis Costello & The Imposters, Sunday, June 3, 2012, Congress Centre, Hamburg, Germany.


Costello: "We take you for a ride"

If Elvis Costello on 3 June playing with band in Hamburg, a wheel of fortune decides on the selection of songs. 150 items are available.

New York He is in the Hanseatic city for more than ten years, no longer performed live, on 3 June is Elvis Costello as part of his "Spinning Wheel" Tour to a single concert in Germany in the CCH. The Evening Gazette has spoken to the 57 years old musician in New York, where he lives with his wife, the pianist Diana Krall, and their two children. In the 35th Floor of the Mandarin Oriental Hotel with a magnificent view of Central Park, we encounter a fundamentally sympathetic and kind man with hat and typical glasses. After the interview, Costello has a dentist appointment. Should he have a toothache during the conversation, he can at least not show it.

Hamburg evening paper: Mr. Costello, you can look back on a 35-year career. Would you go this route today so once again?

Elvis Costello: My grandfather was a musician, my father also. There is such a thing as a calling in my family. But I do not know if I want to start again today because the commercial circumstances have become more and more difficult. By appointment only do not they get it. I have had certain luck, but I also work hard for it, maybe harder than others.

But to write a good song has nothing to do with hard work. One must have a keen sense ...

Costello: Hard work is also included. The songwriting is with me just not in the first place, but the performances. I've written so many songs that I could play for a week without repeating myself.

You do not feel the compulsion experiences and adventures to pack in new songs again and again?

Costello: I do not think I have to tell about my life permanently. I'm not a newscaster, but a songwriter. Many things such as the recent death of my father are too personal to write about it. Sometimes it takes the space of ten years-been to events emotionally to reflect in a song. It is less about an unrestrained surrender, but more to a universal essence.

Your father was very close to you.

Costello: Yes. I've learned a lot from it, although I have taken a very different path as a musician when he did it. My father sang in the 50s and 60s in several successful jazz orchestras and played trumpet. He knew exactly how to put together a show.

Do you sometimes feel that he is watching you from above?

Costello: There are moments when you feel something or wants to recreate. But more important than the feeling that he will continue watching me, are all the things he has taught me. I have often seen him as a child on stage or heard him on the radio. That was very influential, even in terms of my musical socialization.

With what music you have become because great?

Costello: Especially with jazz. As a teenager, then with British beat music. At that time I heard a lot of singles, from The Beatles, The Hollies, The Kinks. It was not until I was 16, I bought my first LP. Rock 'n' Roll Elvis Presley I only discovered by the Beatles.

Even if you have the mourning for your father is not currently expressed in a song, there were events in which you have responded very quickly as a musician, as in "Shipbuilding", which was written in 1982 during the Falklands War. In your most recent album, "National Ransom" They also treat socio-political issues. In the title song says, "We work every day to pay the national ransom." What does this mean?

Costello: The title "National Ransom" makes it clear that it comes to a consideration of the peculiar circumstances, that a small group of not very honorable people in the rating agencies decide on the value of an entire society. But we are all part of the problem, because we wanted something that we could not afford.

Is the big bad wolf on the cover of "National Ransom" the evil speculator?

Costello: It is easy to point the finger at the big bad wolf, but we are unfortunately not in a black comedy. The reality is, unfortunately, much more complicated. We are in a dilemma that is not easily broken down.

If these new songs to be the main component of the current tour?

Costello: No. The "Spinning Wheel" tour is based on the random and the decisions of the audience.

The concert as a request concert then?

Costello: In a sense, yes. There is a wheel of fortune on the stage, which may turn viewers. The song, in which the wheel stops, we then play. There is an element of vaudeville shows, I like it very well. We have, for example, a dancer in a cage on the stage, perhaps offends some people. But we take with this show and even to poke fun.

How many titles have you prepared?

Costello: About 150 of my entire career. With Steve Nieve, our keyboard player, and drummer Pete Thomas, I've been playing together since the 70s. They know the songs. For two or three songs that I have not sung any longer, I put on a music stand. But that's the exception.

They currently seem to be in high demand. They were involved in many different projects, such as "Chimes Of Freedom", a tribute CD for Amnesty International, or the concert for the 100th Birthday of blues musician Robert Johnson.

Costello: The deceptive. I will not take part in many big events. This year, for example, I was at the Grammys only as a spectator, because my wife Diana Krall's there occurred along with Paul McCartney. This spectator role was great fun. And at the concert for Robert Johnson, one of my first public appearances after the death of my father, there was a special spirit, and it was a piece of grief work. Now I can return to the stage.

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