Kölner Stadt-Anzeiger, June 27, 2008

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Elvis Costello

Der Suppe zu Ehren

Kölner Stadt-Anzeiger

Er ist der bedeutendste Singer / Songwriter der Post-Punk-Generation - ein wortgewaltiger Melodienmagier und kaltschnäuziger Seelenmann. Ein schöpfungssüchtiger Musikgelehrter noch obendrein.

Und dennoch: Elvis Costello, einer der klügsten und reflektiertesten Popmusiker, die frei rumlaufen, hat eine verwundbare Stelle; einen Schwachpunkt, den ihm seine härtesten Fans und ärgsten Feinde in gleichem Maße ankreiden: Elvis Costello ist ein Streber. Man könnte es freundlicher formulieren und Declan Patrick MacManus, wie er bürgerlich heißt, als ambitioniert bezeichnen: 37 Alben hat der 53-jährige Londoner seit seinem Debüt „My Aim Is True“ aus dem Jahr 1977 bis heute veröffentlicht und auf mindestens acht Meisterwerken seine historische Leistung zementiert: die Verschmelzung des Melodienreichtums der Beatles mit der virtuosen Textbeherrschung Bob Dylans und der Dringlichkeit des Punk.

Doch obwohl Costellos künstlerische Kernkompetenz stets beim vor Sentiment und Galle nur so triefenden Song lag, demonstrierte der Sohn eines Orchestermusikers früh, dass er sich mit der Rolle des verletzten Pop-Schlaumeiers bei weitem nicht ausgelastet fühlte: So veröffentlichte er munter Platten mit Country-Coverversionen, spielte mit einem Jazz-Orchester, dozierte an der University of California und komponierte Kunstlieder, die er mit einem Streichquartett einspielte; er arbeitete mit der Opern-Sängerin Anne Sofie von Otter, half Paul McCartney aus der kreativen Krise und schrieb eine Ballettmusik nach Shakespeares „Mittsommernachtstraum“. Mit R-'n'-B-Haudegen Allen Toussaint und Edel-Schönschwelger Burt Bacharach entstanden Kollaborations-Alben; sogar einen experimentellen Bart ließ er sich zwischendurch einmal wachsen. Am besten, man sagt es andersrum: Abgesehen von einem in der Zukunft spielenden Unterwasser-Musical nach unveröffentlichten Skizzen von Luis Trenker hat Costello eigentlich schon alles gemacht. Auf seine ganz eigene Art ist er somit ein ebenso unvorhersehbarer Hakenschläger wie Bob Dylan - und wie für Letzteren so gilt auch für Costello: Es ist nicht immer leicht, ihn bedingungslos zu mögen, wer aber einmal seine Liebe zu der Musik des störrischen Tausendsassas entdeckt hat, der hat eine Liebe fürs Leben gefunden.

Bei soviel aktionistischem Eigensinn wundert es wenig, dass Costello kürzlich verlauten ließ, er wolle vorerst überhaupt kein Album mehr veröffentlichen. Er habe keine Lust mehr auf die übliche musikindustrielle Tretmühle, in deren Folge er für öde Promotion-Interviews „nach Köln“ geflogen würde. Aber wie es bei einem großen Unvorhersehbaren so ist: Kaum war das Statement abgeben, hatte er - mehr oder weniger aus Versehen - schon wieder eine neue Platte aufgenommen, immerhin seine beste klassische Popsong-Sammlung seit 1986. Eigentlich wollte Costello nur der Sängerin Jenny Lewis bei der Produktion ihrer neuen Platte helfen. Ehe man sich versah, wurde daraus aber ein munteres Musizieren, zu dem sich neben Lewis und Costellos Begleitband mehr und mehr andere Kollaborateure hinzugesellten. Nach ein paar Tagen hatte man zwölf Songs miteinander aufgenommen: Er habe eigentlich nur Wasser beigeben müssen, erklärt Costello den Albumtitel „Momofuku“ - eine Ehrerbietung vor Momofuku Ando, dem Erfinder der Instant-Nudelsuppe. Doch die Platte ist noch so viel mehr als nur eine hurtig aufgenommene Song-Sammlung; letztlich ist „Momofuku“ auch eine Art Manifest, wenngleich ein diffuses: Er werde die Platte nur auf LP-Format veröffentlichen, schrieb Vinyl-Freund Costello in seinem Internet-Blog und stellte damit seine Plattenfirma vor vollendete Tatsachen: der kulturpessimistische Reflex eines Mannes, der die Nase voll hat von der grassierenden Musik-Entwertung und den verzweifelten Versuchen der Plattenfirmen, gegen diese Entwicklungen anzurudern. Man könne sich sein Album auf Vinyl kaufen oder als Download besorgen. Die Botschaft kam an: Hier wehrte sich eine Musiklegende gegen eine bräsige, respektlose Industrie, die trotz veränderter Bedingungen stur auf einem alten, überteuerten Format beharrte.

Dass „Momofuku“ Ende Juni doch ganz normal auch als CD erscheint, ändert letztlich an Costellos Statement wenig. Und wer tatsächlich noch seine Küche mit CDs beschallt, dürfte sich freuen, die Platte nun auch so vorliegen zu haben. Costello lebt hier wieder seine ganze prachtvolle Zerrissenheit aus. In sonnendurchfluteten Powerpop-Songs wie „No Hiding Place“ und delikaten Balladen wie „Flutter & Wow“ ist Costello abermals der wundkehlige Wüterich, der eigentlich ein Crooner sein will; ein Beelzebub als Hochzeitssänger, ein galanter Grantler, ein harmoniesüchtiger Störenfried mit Hyänenstimme. Man lauscht und ahnt: Auch wenn Musik bald gar nichts mehr wert sein sollte, weil immer weniger Menschen Geld für dieses Weltkulturerbe namens Popmusik auszugeben bereit sind, werden überall auf der Welt immer noch Elvis-Costello-Songs gespielt werden.

„Momofuku“ von Elvis Costello erscheint am 27. 6. bei Universal.

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Kölner Stadt-Anzeiger, June 27, 2008


Kölner Stadt-Anzeiger reviews Momofuku.


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