Neue Zürcher Zeitung, July 30, 2007

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Eine verspätete Beatnik und fette New-Orleans-Grooves


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  Christoph Fellmann

Am Samstag ging in Luzern das Blue Balls Festival zu Ende

Das Blue Balls ist ein angenehmes Festival. Es trennt die Party von der Kunst. Die Party findet zwischen den Bierständen des Sponsors rund um das Luzerner Seebecken statt. Die täglich vier Konzerte, die hier gegeben werden, waren in der Geschichte dieses Festivals auch schon liebevoller programmiert; aber die hier auftreten, sind zuverlässige Stimmungsbringer und erfüllen damit ihren Zweck. Im KKL aber, wo die grossen Konzerte stattfinden, bleibt die Party draussen. Die schöne Übersicht, welche die beiden Säle bieten, lassen konzentrierte Konzerterlebnisse zu, nicht selten mit bekannten Namen, die sonst auf grösseren Bühnen zugange sind.

Hier hat Luzern in den letzten zehn Tagen das beste Blue Balls Festival seit vielen Jahren erlebt. Die Stars, nur um ihres grossen Namens willen verpflichtet, fehlten diesmal, dafür kamen lebendige Künstler. Das Resultat: wenig von den Posen und von verblichenem Glanz, viel von hervorragendem Musikantentum. Die panamerikanischen Grenzgänger von Calexico etwa oder der grundsympathische Badly Drawn Boy, der ungekrönte König von «Uncool Britannia», spielten grosse Konzerte.

Prekäre, magische Momente

Und mit Rickie Lee Jones kam es am zweitletzten Abend im weissen Konzertsaal zur Sternstunde. Die Sängerin und Songwriterin, die in den späten siebziger Jahren als verspätete Beatnik in der Rock'n'Roll-Schickeria von Los Angeles aufgetaucht war, hat mit «The Sermon on Exposition Boulevard» im letzten Winter ihr bestes Album veröffentlicht. Auf der Bühne wuchs sie mit ihren drei wunderbaren Musikern nochmals weit darüber hinaus. Vielleicht, weil sie in den neuen Songs ein für sie neues Terrain erkundet – und diese Erkundung noch keineswegs abgeschlossen ist: Rickie Lee Jones war ja nie eine Singer-Songwriterin in der Folktradition, vielmehr komponierte sie viele ihrer stärksten Stücke in der Erinnerung ans Great American Songbook der Jazzstandards. So entstanden Popsongs, die sich die Freiheit des Jazz nahmen.

Die neuen Songs aber sind Folk, gelegentlich zu einem repetitiven Rock erweitert, der an die elementare Basis dieser Musik reicht. Und manchmal sind sie auch nur ein Schweif davon, ein psychedelischer Teilchennebel aus Folkfitzelchen und versprengtem Rock, in dem Jones' helles, manchmal auch schrilles Gesangsgebet leuchtet wie der den Weg weisende Komet. In der Luzerner Darbietung dieser Band steckte gelegentlich so viel Freiheit, wie gerade noch möglich war, bevor die Songs zerstäubt oder ganz einfach stillgestanden und erloschen wären. Das waren, etwa in «Where I Like It Best» vom neuen Album, manchmal prekäre Momente, aber Momente von höchster Spannung und reiner Magie. Es war, als habe die verspätete Beatnik das offene Land doch noch erreicht. Und mit ihr auch ein paar ältere Songs wie «The Last Chance Texaco» von 1979 oder «Love Is Gonna Bring Us Back Alive» von 1989, die nun klangen, als habe sie die Jones eben am Strassenrand gefunden, grobkörnig und roh. Bis auf ihr Innerstes ausgemergelt, aber zu hellwachem Leben erweckt.

Nicht zur Sternstunde reichte es dem Konzert des britischen Elitesongschmieds Elvis Costello, der in Luzern mit einer Band aus New Orleans spielte. Nachdem der Sturm «Katrina» vor zwei Jahren die Stadt verwüstet hatte, traf Costello bei einem Benefizanlass auf Allen Toussaint, der in den sechziger bis in die siebziger Jahre als Songwriter und Produzent den Rhythm'n'Blues der versunkenen Stadt geprägt hatte wie kaum ein anderer. Nach dem gemeinsamen Album «The River In Reverse» (2006) kam es nun zur Tournee. Von Costellos Band, die das Album eingespielt hatte, war nur noch Steve Nieve an der Orgel dabei. Die Combo aus gestandenen New-Orleans-Cracks tat dem Programm gut: Anders als auf der flauen CD standen auf der Bühne der Druck und der Schmelz nun wie eine Eins.

Piano-Professor

Nebst den Songs der gemeinsamen CD gab es vor allem vergangene Costello-Hits wie «Watching the Detectives», «Pump It Up» oder «Deep Dark Truthful Mirror» zu hören. Allen Toussaint hatte sie für die Band und den vierköpfigen Bläsersatz neu arrangiert, und hier nun waren die typischen New-Orleans-Grooves, oft etwas fett angerichtet, gegenüber den schlanken und agileren Originalen nicht in jedem Fall im Vorteil. Was den Abend aber vor allem verdarb: Das Konzert blieb eine One-Man-Show des Elvis Costello. Toussaint, der nicht nur ein ausgewiesener Professor des New-Orleans-Pianos ist, sondern auch ein begnadeter Sänger, kam nicht über den Status einer Gastlegende hinaus und durfte gerade einmal drei Songs singen (darunter immerhin den Höhepunkt des Konzertes, seinen Hit «Yes We Can Can»).

Nun, Elvis Costello ist ein guter Sänger, seine Stimme hat Kraft, und von der Band liess er sich noch so gerne zum Parforceritt antreiben. Dazu neigt er seit Jahren. Bei Allen Toussaint hätte er etwas über Understatement und Souplesse lernen können. Die Chance ist vertan.

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Neue Zürcher Zeitung, July 30, 2007


Christoph Fellmann reviews Elvis Costello and The Allen Toussaint Band & Horns, Wednesday, July 25, 2007, Blue Balls Festival, Lucerne, Switzerland.


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