Neue Zürcher Zeitung, October 29, 2014

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Neue Zürcher Zeitung

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Ein merkwürdiger Abend

Elvis Costello an der Bâloise Session

Eric Facon

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«Chameleons» – so hiess der vierte Abend an der diesjährigen Baloise Session in Basel. Dies war die thematische Klammer für zwei Singer/Songwriter, die sich den Abend teilten. Allerdings haben Rebekka Bakken aus Norwegen und der britische Headliner Elvis Costello eigentlich nur eine Gemeinsamkeit: Sie teilen eine gewisse Affinität zum grossen Tom Waits.

Rebekka Bakken hat ihr neustes Programm ganz aus Songs des amerikanischen Avantgarde-Troubadours gebaut. Ein mutiges Unterfangen, Waits' Werk wird heute – ähnlich wie das eines Randy Newman – als eine Art alternatives Great American Songbook angesehen: Standards, die man covern muss. Aber das ist trügerisch, denn diese Lieder leben stark von der Persönlichkeit des Komponisten. Bakken ist nicht die Erste, die sich an Waits versucht – und scheitert. Die Norwegerin hat viel Talent, eine Stimme und eine sattelfeste Band im Rücken. Und dennoch fallen die allermeisten ihrer Interpretationen flach. Es fehlt an vielem: an der Stimmung der Originale, am Schweiss, an den ungewohnten Klangfarben, an einer rotzigen Stimme, an gespielter Schludrigkeit. Wenn Waits den Barbesucher gibt, dann nimmt man ihm das ab. Bei Rebekka Bakken gibt es verjazzte Arrangements und eine Sängerin, die das Verruchte spielt, ohne dass man es ihr abnehmen könnte.

Elvis Costello eilt ein ähnlicher Ruf als Songwriter voraus wie Tom Waits: Er gilt als einzigartiger Singer/Songwriter mit gewaltiger poetischer Kraft. Costello hat mit Musikern aus Waits' Band gearbeitet, hat Songs von Waits gecovert und konnte einen Moment lang als britisches Pendant des Amerikaners gelten. Ein endlos wandelbarer Musiker, der sich – ganz das angesprochene Chamäleon – stets in neue musikalische Farben hüllt, vom Bluegrass über Easy Listening zum Hip-Hop und zurück. Umso mehr durfte man gespannt sein, was Costello nun in Basel in einem Solokonzert einfallen würde.

Costello begann bestimmt, direkt und druckvoll mit dem neueren, rockigen Titel «45» – so, als gäbe es weder Fragen noch Zweifel. Es folgten Ausschnitte aus seinem gesamten Œuvre, von den Anfängen vor der professionellen Karriere bis heute – von Hits wie der frühen Ballade «Alison» über ein Medley aus dem eigenen «New Amsterdam» und «You've Got To Hide Your Love Away» von den Beatles bis zu einer splittrigen, metallisch-lauten Version von «Watching the Detectives». Einiges davon war grandios – etwa «Everyday I Write the Book», das in der Studioversion von Mitte der 1980er Jahre mechanisch klingt, als akustisches Stück auf der Bühne aber ungeahnte Tiefe entwickelt.

Costello bot viel an diesem Abend – und doch wollte es scheinen, als springe der Funke kaum aufs Publikum über. Das mochte am Setting liegen: Costello schien ungeeignet für diese Art Veranstaltung. Zu wenige Hits, zu viele Songs, die echtes Hinhören und gute Englischkenntnisse erfordern, keine Band, die einen zum Fuss-Wippen animieren könnte. Nur dieser humorvolle, wenn auch sperrige Engländer mit weissem Hut und einer mitunter recht kratzigen Stimme, der keinerlei Unterschied zu machen scheint zwischen einem Publikum in einem Rock-Klub und einem Publikum, das bei Kerzenlicht und einem Glas Wein auf dem Tischchen in einem riesigen Saal in der Messe Basel sitzt. Und so kam es, dass dieser grosse Songschreiber auf dem Weg zur Zugabe einige Zuhörer verlor. Im Zugabenblock dann noch der Höhepunkt des Abends: eine eindringliche Version von «Shipbuilding», einem der besten Protestsongs aller Zeiten, einem Song gegen den Falkland-Krieg, der trotz dem klaren Gegenstand zeitlos ist und deshalb als Meisterwerk gelten muss. Nun gab es endlich nicht nur höflichen Applaus, sondern lauten Beifall. Das Chamäleon Costello hatte endlich sein Publikum erreicht.

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Neue Zürcher Zeitung, October 29, 2014


Eric Facon reviews Elvis Costello and opening act Rebekka Bakken, Tuesday, October 28, 2014, Baloise Session Event Hall, Basel, Switzerland.

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2014-10-29 Neue Zürcher Zeitung photo 01 gk.jpg
Photo by Georgios Kefalas.

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