Rolling Stone Germany, August 22, 2014

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25. AUGUST 1954

Der Universalgelehrte des Rock'n'Roll: Zum 60. Geburtstag des fabelhaften Elvis Costello

Seine furiosen, eloquenten Stücke etablierten einen einzigartigen Ton aus Vitriol und Verletzung, kanalisierter Wut und vertierter Romantik. Nicht schlecht für einen bebrillten Außenseiter aus Paddington. Heute wird der herausragende Songschreiber Elvis Costello 60 Jahre alt.


Arne Willander

Die Karriere des Declan Patrick Aloysius MacManus ist die Vergeltung des begabten Außenseiters und Plattensammlers an den Burschen, die den Rock‘n‘Roll gepachtet hatten und ihn nicht mitspielen lassen wollten. Als Sohn des Sängers und Trompeters Ross McManus, der mit dem in den 50er- und 60er-Jahren in England beliebten Joe Loss Orchestra auftrat, wurde er am 25. August 1954 in London geboren. Als Kind hörte und studierte Declan die Alben seiner Eltern: Frank Sinatra und Wes Montgomery, Tony Bennett und Dean Martin, Hoagy Carmichael und Ella Fitzgerald, Hank Williams und Jim Reeves, Jazz-, Vaudeville- und Schlager-Platten. Dann entdeckte er die Beatles und die amerikanische Soul-Musik; mit 16 schrieb er die ersten Songs. Vielleicht würden wir ihn heute nicht kennen, wenn er weiterhin epigonale Folk-Songs mit den Bands Flip City und Rusty gespielt hätte. Die einzige bekannte Arbeit, die Declan ausübte, war das Stanzen von Lochkarten.

Als 1977 der Punk losbrach, war der bis dahin erfolglose Songschreiber zur Stelle. Jake Riviera nahm ihn für Stiff Records unter Vertrag, nach seiner Urgroßmutter väterlicherseits nannte er sich Costello und Elvis nach Elvis Presley, und mangels Band nahm er sein Debüt-Album „My Aim Is True“ mit den amerikanischen Musikern von Clover auf, die später als The News mit Huey Lewis reüssierten. Costello war in Bildung, Musikalität und Geschmack kein Punk, gab sich aber schnodderig und spielte einen geschwinden Rock'n'Roll, der bald „New Wave“ genannt wurde, sich aber eher dem Pub-Rock von Brinsley Schwarz, Nick Lowe und Dave Edmunds verdankte. „Watching The Detectives“ setzte Costello auch in den USA auf die Agenda, wo er 1978 zum Star wurde, eine lange Tournee mit den Attractions, seiner neuen Begleitband, unternahm und im Suff schwarze Musiker beleidigte, obwohl er deren Musik liebte. Derart entfesselt, legte er ein Jahr später „Armed Forces“ vor, sein „Abba-Album“. 1980 erschien „Get Happy!!“, eine atemlose Hommage an den Soul von Motown, Stax und Volt; „Almost Blue“ war dann ein Country-Pastiche, produziert vom Countrypolitan-Erfinder Billy Sherrill; „Imperial Bedroom“ (1982) belehnte die Beatles und wurde von deren Toningenieur Geoff Emerick eingerichtet.

Von „Schuld und Rache“ sei er getrieben gewesen, sagte er später, und der frühe Ruhm (und, you name it, der Alkohol und die Drogen) hätten ihn zu einem Ekel gemacht. Seine Ehe war zerbrochen, bei den Attractions gerierte er sich als Despot, wie der auch nicht eben sympathische Bassist Bruce Thomas später in einem Buch ausführte. Nach dem perfekten, von Alan Winstanley und Clive Langer produzierten Pop von „Punch The Clock“ und „Goodbye Cruel World“ (Platten, die Costello bald nicht mehr mochte) erscheinen 1986 „King Of America“, das zum Teil mit den Musikern von Elvis Presley aufgenommen wurde, und das schroffe Songwriter-Album „Blood And Chocolate“. Damit hatte er einen Platz im Pantheon der Rockmusik reserviert. Wer wissen wolle, wie die 80er-Jahre waren, der müsse nur die Platten von Elvis Costello hören, schrieb der Filmkritiker Michael Althen, was freilich nur die halbe Wahrheit ist - aber diese eklektischen, furiosen, eloquenten Songs etablierten einen einzigartigen Ton aus Vitriol und Verletzung, kanalisierter Wut und vertierter Romantik.

Von der eigenen Bedeutung berauscht, wechselte er von Demon Records zu Warner Bros. und nahm im Lauf von zwei Jahren in England, Irland und den USA „Spike“ auf, zwei Songs schrieb er mit Paul McCartney, zwei weitere erschienen auf McCartneys "Flowers In The Dirt". Vom wilden Anverwandler war Costello zum prätentiösen Schlauberger geworden, der sich ironisch „The Beloved Entertainer“ nannte. 1993 nahm er mit dem Brodsky Quartet den romantischen Songreigen „The Juliet Letters“ auf und schrieb mit seiner zweiten Frau Cait O'Riordan die Songs für ein Album von Wendy James, dann kehrte er mit „Brutal Youth“ (1994) noch einmal zu dem raubauzigen Sound der Attractions (und nach London) zurück. Nach "All This Useless Beauty" (1996) endete die Kooperation mit den Attraction ebenso wie mit Warner. Sein Renommee und sein Verhandlungsgeschick brachten Costello einen angeblich sagenhaft dotierten Vertrag mit Universal, auf deren diversen Labels er changierend seine Alben veröffentlichen konnte. 1998 erschienen Songs, die er mit Burt Bacharach geschrieben hat, auf "Painted From Memory"; 2001 produzierte er das Album "For The Stars" für die schwedische Sopranistin Anne-Sofie von Otter, für das er die Lieder (Stücke von Brian Wilson, Tom Waits und Andersson/Ulvaeus neben, natürlich, eigenen Kompositionen) ausgewählt hatte.

2003 brachte Costello das Crooner-Album "North" mit Liebesliedern heraus: Nach dem Ende seiner Ehe mit Cait O'Riordan hatte er sich in Diana Krall verliebt, mit der er heute verheiratet ist; sie leben mit ihren Kindern in Vancouver. Ein Jahr später erschienen "The Delivery Man", eine vom amerikanischen Süden inspirierte Platte, und die orchestrale Ballettmusik "Il Sogno". Die frühen Alben (auch der Warner-Jahre) legte Costello vielgestaltig, mit zusätzlichen Songs und umfangreichen Essays wieder auf - der Archivar und Enzyklopädist hat natürlich alles gesammelt und in der Erinnerung bewahrt. In New Orleans arbeitete er - nach dem verheerenden Hurrikan - mit Allen Toussaint an "The River In Reverse" (2006), für das die beiden einige Songs schrieben. Unzufrieden mit der Rezeption und den Verkäufen seiner Werke, veröffentlichte Costello das lärmige "Momofuku" 2008 zunächst auf Vinyl (dann aber doch auf CD).

Cameo-Auftritte in Kinofilmen und Fernsehserien, auch eine Talk- und Musikshow in den USA und seine Version von Charles Aznavours "She" für den Film "Notting Hill" (1999) brachten Elvis Costello beständige Präsenz. Umtriebig unternahm er 2011 eine große Tournee mit dem "Spinning Wheel", bei dem das Publikum an einem Glücksrad drehen und so die Songs bestimmen durfte - allerdings wurden die Teilnehmer dann in einem Tanzkäfig ausgestellt. Neben Konzerten mit den Imposters (die Attractions-Musiker Steve Nieve und Pete Thomas sowie Bassist Davey Faragher) tritt Costello auch allein auf - an solchen Abenden unterzieht er sein Werk einer radikalen, atemnehmenden Remedur. Nachdem er zuletzt die Platte "Wise Up Ghost" mit den Roots (und einigen Umarbeitungen alter Stücke) aufgenommen hatte, steht jetzt ein Projekt mit T Bone Burnett und Marcus Mumford bevor: Als The New Basement Tapes haben sie Songtexte von Bob Dylan aus der Zeit mit The Band zu Liedern verarbeitet. Elvis Costellos Spätwerk hat man sich wahrscheinlich als erratisch vorzustellen.

Für einen bebrillten Außenseiter aus Paddington, der mit nasaler, brechender Stimme vorlaut seine Songs singt, ist Declan MacManus verdammt weit gekommen. Heute wird er 60 Jahre alt. Couldn't call it unexpected.

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Rolling Stone Germany, August 22, 2014


Arne Willander writes about Elvis Costello to mark his 60th birthday.



25. AUGUST 1954

The polymath of rock'n'roll: the 60th birthday of the fabulous Elvis Costello

His furious, eloquent pieces established a unique tone of vitriol and injury, channeled anger and brutalized romance. Not bad for a bespectacled outsider from Paddington. Today's best songwriter Elvis Costello is 60 years old.


English via Google Translate...

The career of Declan Patrick Aloysius MacManus is the retribution of the talented outsider and record collector to the boys who had leased rock and roll and did not want to let him play. As the son of the singer and trumpeter Ross McManus, who appeared with the popular Joe Loss Orchestra in England the 50s and 60s, he was born on August 25, 1954 in London. As a child, Declan heard and studied the albums of his parents: Frank Sinatra and Wes Montgomery, Tony Bennett and Dean Martin, Hoagy Carmichael and Ella Fitzgerald, Hank Williams and Jim Reeves, jazz, vaudeville and pop-records. Then he discovered the Beatles and the American Soul Music; at 16 he wrote his first song. Maybe we would not know him now, if he had continued to play imitative folk songs with the band Flip City and Rusty. The only known work that exerted Declan was punching hole cards.

In 1977, punk happened, the hitherto unsuccessful songwriter was on the spot. Jake Riviera took him for Stiff Records, he called himself Elvis Costello after his great-grandmother on the paternal side and after Elvis Presley, and for lack of a band he recorded his debut album "My Aim Is True" with the American musicians of Clover, who reappeared later as The News with Huey Lewis. Costello was no punk in education, musicality and taste, but gave himself brash and played a swift Rock'n'Roll, which was soon called "New Wave", but rather the pub rock of Brinsley Schwarz, Nick Lowe and Dave Edmunds owed​​. "Watching The Detectives" sat Costello in the USA on the agenda, where he became a star in 1978, a long tour with the Attractions, his new companion, undertook and insulted in a drunken stupor black musicians, although he loved their music. Such unleashed, he laid a year later "Armed Forces" before his "Abba album". 1980 saw "Get Happy!!", a breathless tribute to the Soul of Motown, Stax and Volt; "Almost Blue" was then a country pastiche, produced by Countrypolitan-inventor Billy Sherrill; "Imperial Bedroom" (1982) echoed the Beatles and was set up by their sound engineer Geoff Emerick.

Of "guilt and revenge," he was driven, he said later, and early fame (and, you name it, the alcohol and the drugs) would have made him one of disgust. His marriage was broken in the Attractions, he presented himself as a despot, as well as not just sympathetic bassist Bruce Thomas executed later in a book. Looking for the perfect, by Alan Winstanley and Clive Langer produced pop of "Punch The Clock" and "Goodbye Cruel World" (albums soon no longer liked Costello) appear in 1986 "King Of America", which was recorded in part with the musicians of Elvis Presley, and the rugged songwriter album "Blood And Chocolate". He had reserved a place in the pantheon of rock music. Who wants to know how the 80s were the must hear only the albums of Elvis Costello wrote the film critic Michael Althen what only half the truth is, of course - but this eclectic, furious, eloquent songs established a unique tone of vitriol and injury, channeled anger and brutalized romance.

Intoxicated by his own importance, he moved from Demon Records to Warner Bros., and took over two years in England, Ireland and the United States "Spike" on, he wrote two songs with Paul McCartney, two more appeared on McCartney's "Flowers In The Dirt". From wild minstrel Costello had become a pretentious smart aleck, the ironic "The Beloved Entertainer" was called. In 1993 he took the Brodsky Quartet the romantic dance song "The Juliet Letters" and wrote with his second wife Cait O'Riordan songs for an album of Wendy James , then he returned with "Brutal Youth" (1994) once again to the sound of the reformed Attractions (and to London) back. After "All This Useless Beauty" (1996) co-operation with the Attractions ended as well as with Warner. His reputation and his negotiating skills brought Costello a supposedly amazing doped contract with Universal, on their various labels, he could publish his iridescent albums. 1998 published songs he wrote with Burt Bacharach, to "Painted From Memory"; In 2001 he produced the album "For The Stars" for the Swedish soprano Anne-Sofie von Otter, where he established songs (pieces of Brian Wilson, Tom Waits and Andersson / Ulvaeus addition, of course, his own compositions) had selected.

In 2003, the crooner Costello album "North" with love songs came out: After the end of his marriage to Cait O'Riordan he had fallen in love with Diana Krall, to whom he is now married; they live with their children in Vancouver. A year later appeared "The Delivery Man", inspired by the American South drive, and the orchestral ballet music "Il Sogno". The early albums (including the Warner-years) increased Costello diverse, with additional songs and extensive essays on again - the archivist and encyclopedist of course everything collected and preserved in the memory. In New Orleans he worked - after the devastating hurricane - with Allen Toussaint to record "The River In Reverse" (2006), for which the pair wrote a few songs. Dissatisfied with the reception and the sales of his works, Costello released the noisy "Momofuku" in 2008, first on vinyl (but then on CD).

Cameo appearances in films and television series, including a Talk and music show in the United States and his version of Charles Aznavour "She" for the movie "Notting Hill" (1999) brought Elvis Costello constant presence. Always on the go, he undertook a major tour in 2011 with the "Spinning Wheel", where the audience can turn a wheel of fortune and so could determine the songs - however, the participants were then exhibited in a dance cage. In addition to concerts with the Imposters (the Attractions musician Steve Nieve and Pete Thomas and bass player Davey Faragher) occurs Costello on alone - on such evenings he undergoes his work a radical, breath acquiring revision. After the last album "Wise Up Ghost" with had taken Roots (and some reworking old pieces), now is a project with T Bone Burnett and Marcus Mumford before: As the New Basement Tapes have processed Lyrics Bob Dylan from the time the Band to songs. Elvis Costello's late work you have probably imagined as erratic.

For a bespectacled outsider from Paddington, the cheeky sings his songs with nasal, voice breaking, Declan MacManus came damn far. Today he is 60 years old. Could not call it unexpected.

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