Rolling Stone Germany, March 2006

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Rolling Stone Germany

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Balsam für Big Easy

Auch wenn die Umstände desolat sind:
Das Elend von New Orleans bringt die Musiker zusammen.
Elvis Costello und Allen Toussaint geben ein Beispiel.

David Fricke

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Piety Street Recording Studio, New Orleans, Bezirk Bywater, nahe dem Mississippi. Allen Toussaint, legendärer Produzent und Songwriter, steht vor einem Mikrophon und wartet auf seinen Einsatz. Der 68jährige ist makellos gekleidet, echt Southern comfort — graues Anzugjackett, braune Stoffhose, cremefarbenes Hemd, perfekt geknotete karamellbraune Krawatte und vorne offene Sandalen. Aber als das Band läuft und der Funk zu grooven beginnt, spürt man deutlich die Demut in seiner Stimme: „What happened to the Liberty Bell / I heard so much about / Did it really ding dong / It must have dinged wrong / It didn't ding long." Sechs Monate nach dem Hurrikan Katrina liegt Toussaints Heimatstadt immer noch zu großen Teilen in Trümmern, ein Opfer geborstener Dämme, chaotischer Hilfsmaßnahmen. Schmerz und Angst färben jeden seiner seidigen Töne.

Im Regieraum nebenan lauscht Elvis Costello und schüttelt bewundernd den Kopf. Toussaint singt Overdubs für „Who's Gonna Help Brother Get Further?", ein rhythmisches Bittgesuch, das er ursprünglich 1970 für Lee Dorsey geschrieben und produziert hatte. Und einer von 17 Songs, die Toussaint und Costello nun für The River In Reverse aufgenommen haben (erscheint im Mai auf Verve Records). Mit neuen Songs wie dem Titeltrack, „Broken Promiseland" oder „Ascension Day", Coverversionen von Toussaint-Klassikern wie „Freedom For The Stallion", „On Your Way Down" oder eben „Who's Gonna Help..." — und in allen vibriert die Emotion des Augenzeugen. In einer Aufnahmepause betont Toussaint höflich, dies sei „keine Mitleidsplatte. Die Songs können im Krieg und im Frieden leben, überall und jederzeit. Diese Platte ist viel wichtiger und viel größer als Katrina".

Costello stimmt zu. „Es war die Chance, aus etwas sehr Entmutigendem etwas Positives zu machen", sagt er über das Album. Der Produzent ist Joe Henry, es spielen Costellos Band, The Imposters, und einige lokale Musiker aus Toussaints Truppe. „Und die Platte blickt nach vorn. Sie steht für die hiesige Kultur. Und Allen gehört zu den wichtigsten Personen in dieser Kultur." Costello und Toussaints Sessions im Piety-Studio Anfang Dezember sind ermutigende Lebenszeichen in einer zerstörten Stadt. Toussaints eigenes Haus in Gentilly wurde überflutet, sein persönliches Archiv, Bilanz eines Lebens, zerstört.

„An einem der Tage hier hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Allens Bläser so lange warten ließ", sagt Produzent Henry. „Ich sagte: ‚Wollt ihr vielleicht rausgehen und später wiederkommen?' Sie sagten: ‚Wir wollen gar nicht da raus. Wir wissen ja eh, wie's aussieht.

Toussaint floh nach dem Sturm aus der Stadt nach New York, wo er Costello — mit dem er schon auf dessen 89er-Album Spike gearbeitet hatte — bei diversen Katrina-Benefizkonzerten traf. Sie spielten oft Toussaint-Songs zusammen. „Früher war es üblich, ,Songbook-Alben` zu machen — bevor die Rock'n'Roll-Sänger selber Songs schrieben", erklärt Costello. „Ich dachte: Vielleicht ist es Zeit für ein Allen-Toussaint-Songbook-Album. Und vielleicht können wir das zusammenmachen." Toussaint sagte nicht nur zu, er schrieb auch fünf Songs zusammen mit Costello. „Im erzwungenen Halb-Ruhestand so eine Einladung zu kriegen, war eine wunderbare Chance", konstatiert er mit einem schlauen Lächeln. Costello, sagt er, sei unermüdlich gewesen. „Er legte beim Schreiben Gesangsperformances hin, wie man sie sonst nur im Studio abliefert."

Am ersten Aufnahmetag in L.A. hatten sie schon nach 15 Minuten die Mastertakes von „Greatest Love" und „Nearer To You" im Kasten. Nun aber, im Piety, fasziniert Toussaints Ohr für Details, sein Instinkt für beseelte Perfektion. Derselbe Instinkt, der schon die Hits prägte, die er in den Sechzigern und Siebzigern für Irma Thomas, Ernie K-Doe, die Meters und viele andere schrieb und produzierte.

Lebendig. Kein Wort beschreibt die Musik, die Costello und Toussaint gemacht haben, besser — vor allem während ihrer Woche in dieser Stadt, die sich nur langsam von ihrem Fast-Exitus erholt. Am selben Abend, an dem sie „Who's Gonna Help Brother Get Further" fertigstellen, beschäftigen sie sich auch mit der düsteren Costello-Ballade „The River In Reverse". Costello schrieb sie wenige Wochen nach der Überschwemmung. Seine Liebe zu New Orleans und seine Wut über den Verrat an der Stadt sprechen deutlich aus dem Songtext und den Vocals: „There must be something better than this / I don't see how it can get much worse / What do we have to do to send / The river in reverse?"

Es arbeite sich nicht leicht inmitten von so viel Verlust, räumt Costello ein. „Man kommt sich ein bißchen frivol vor." Es ist dennoch heilsam — man sieht es in Allen Toussaints Lächeln, als er der Dringlichkeit in Costellos Gesang lauscht. Er hat fürs erste außer dieser Platte nicht mehr viel, und deshalb ist er dankbar. „Im Moment habe ich keine Vergangenheit und keine Zukunft", sagt er. „Ich wache morgens auf, um das hier zu machen. Dies ist alles, was ich bin."

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Rolling Stone Germany, March 2006


David Fricke profiles Elvis Costello and Allen Toussaint.

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