Rolling Stone Germany, September 2013

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Rolling Stone Germany

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Funk Soul Brothers

Auf den ersten Blick sind Elvis Costello und Questlove, der Kopf der US-HipHop-Band The Roots, die ungewöhnlichste Paarung seit Willie Nelson und Snoop Dogg. Doch auf ihrem wütenden gemeinsamen Album Wise Up Ghost harmonieren sie perfekt.


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Maik Brüggemeyer

Die Idee war simpel, aber schien plausibel: Für sein erstes deutsches ROLLING STONE-Cover wollten wir Elvis Costello inszenieren, wie er uns im Juli 1977 aufseinem Debüt ,,My Aim Is True” erstmals erschien: ais X-beiniger Nerd mit Buddy-Holly-Brille und Fender Jazzmaster im Anschlag. So hat man ihn immer noch im Kopf, obwohl er natüriich längst nicht mehr der Angry Young Man von damals ist. Heute beherrscht er auch die Zwei schentöne und die Blue Notes, ist im Adagio genauso zu Hause wie im Prestissimo. Könnte ein spannender Kontrast werden, dachten wir, wenn der 58-Jährige, der sich sicher nicht in umgekrempelter Jeans und zu engem. Jackett, sondern in feinem Anzug und mit Hut zeigen würde, die Pose von einst nachstellt.

Aber es kommt alles ganz anders. Elvis trägt zwar tatsächlich einen Anzug, will dann aber doch noch schnell seine Lederjacke holen, weigert sich schließlich, seine Fender Jazzmaster urnzuschnallen (sein Manager bringt ein anderes Modell) und die Beine will er auch nicht biegen. Geschweige denn die Sonnenbrille gegen das alte Modell tauschen. Es wird dann sogar noch em bisschen lauter, und der Künstler verschwindet nach einer Tony-Soprano-artigen Tirade, in der er die Bedeutungsfülle eines englischen four-letter-words in all seinen Beugungen voll ausschöpft, vor Wut dampfend aus dem nur für diesen Anlass angernieteten "Berlinzimmer” im Hotel Adlon. Betretenes Schweigen. Vieilleicht doch keine so gute Idee mit dem Nachstellen. Den sehen wir jedenfalls heute nicht mehr wieder. Nebenan im Brandenburg-zimmer” hört man Mitglieder des Rotary-Clubs ihre Suppe löffeln.

So ganz ohne Rage ist Elvis Costello immer noch nicht zu haben. Als er im September 1982 durch eine riesige Hornbrille erstmals vom Cover des amerikanischen Rolling Stone herunterschaute, ging es auch um einen solchen Ausbruch. “Elvis Costello repents” - “Elvis Costello tut Buße” war damals die Titelzeile, und Greil Marcus befragte den Hitzkopf zu einem Vorfall, der sich dreieinhalb Jahre zuvor in einer Hotelbar in Columbus, Ohio ereignet hatte. Der damals 28-jährige Brite war dort volltrunken mit Stephen Stills und der Sängerin Bonnie Bramlett aneinandergeraten. Es ging um die Frage, wer musikalisch wohl mehr zu bieten hätte, die USA oder das Vereinte Königreich. Irgendwann war die hitzige Diskussion aus dem Ruder gelaufen, und nachdem seine Kontrahenten Ray Charles und James Brown für Amerika ins Feld geführt hatten, sah Elvis sich wohl in die Ecke gedrängt und beschimpfte die beiden Väter des Soul entgegen seiner Überzeugung aufs Übelste. Kurz danach waren die Zeitungen durch Bramletts Hilfe voll davon. Seine Platten seien nach diesen idiotischem Vorfall nicht mehr im US-Radio gespielt worden, so Costello zu Marcus, “es gab um die 120 Morddrohungen - oder Androhungen von Gewalt welcher Art auch immer. Ich hatte für den Rest der Tour bewaffnete Bodyguards. “ Mit der Karriere in Übersee war es dann erst mal vorbei.

Und das, wo er doch nichts mehr liebte als die amerikanische Musiktradition. Bereits auf seiner ersten Single, “Less Than Zero” von 1977, konterte er die im Windschatten der Sex Pistols von seinem Label Stiff als Punk angepriesene A-Seite mit einem Countrysong auf der flipside. Und nach dem Vorfall in Columbus zeigte er Reue, indem er sein nächstes Album, “Get Happy!!”, dem Sound von Stax und Motown widmete. Seine Band, die Attractions, erwies sich als grandiose R&B-Combo, und Costello begann langsam, sich vom zornigen jungen Mann zum Meister aller Stile und Klassen zu entwickeln, nahm ein Album mit Country-Covers auf, brillierte in klassischem Pop und Folk. Mittlerweile hat er mit Jazzbands gearbeitet und mit Streichquartetten, ein Album mit dem Meister des New-Orleans-Sounds, Allen Toussaint, augenommen und eines mit der schwedischen Sopranistin Anne Sofie von Otter, hat Ballettmusik geschreiben und sich an einer Oper versucht. Gerade arbeitet er mit Burt Bacharach an einem Broadway-Musical, und nun erscheint - ein HipHop-Album! Na ja, fast.



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Rolling Stone Germany, September 2013


Maik Brüggemeyer interviews Elvis Costello and Questlove.


Jörn Schlüter reviews Wise Up Ghost.

Images

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Cover and review clipping.

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Photos by Danny Clinch.
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Page scans.


Elvis Costello & The Roots

Wise Up Ghost

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Jörn Schlüter

★★★★
Tolle Songs und clevere Grooves:
Experiment ganz klar geglückt

Natürlich gehört der musikalische Selbstversuch zum Selbstverständnis dieses Mannes. Elvis Costello ist als Komponist ein neugieriger Abenteurer, der wohl wegen seiner heißspornigen Art, mit Sicherheit aber aus Hochactung vor der Musik den Sonderweg vorzieht. Deshalb ist dieses Œuvre so reich an überraschenden harmonischen Wendungen und stilistischen Exkursionen, die vom Wave und Pop über Country und Jazz bis zur Oper führen.

Nun wird die Reihe um ein Experiment erweitert. Costello erkannte in Ahmir Khalib Thompson alias Questlove einen künstlerisch Verwandten und nahm die Einladung zum gemeinsamen Musizieren dankend an. Weil The Roots die musikalischste HipHop-Formation der USA ist-oder ein formidables Soul-Ensemble, je nach dem. Weil Costello mit der Band aus Philadelphia ja gemeinsame kreative Wurzeln hat – den R&B und Soul reizte das britische Wave-Punk-Kid von Anfang an. Und weil Costello schon auf seinen regulären Alben der vergangenen Jahre immer mal Lieder geschrieben hat, die eher aus Grooves entstehen als aus cleveren Akkorden – dieser Vorliebe kann er hier nun auf Albumlänge nachgehen.

Das Produktionsdesign von “Wise Up Ghost” ist das der Roots, jedenfalls gehört es in ihre Welt Ultradirekte Schlagzeugsounds, clevere Samples und abenteuerliche Klangschnipsel aus Jazz und Neo-Soul, insgesamt ein schwülwarm rollender, urbaner und hochmoderner HipHop-Soul-Philly-Funk-Sound- so ausgewogen und formvollendet klingen die Alben von Costello, dessen ruppige Klangästhetik seine musikalische Herkunft verrät, sonst meist nicht. Natürlich ist Costello der Star, doch der Anteil von The Roots am Gelingen dieser Platte ist sehr groß – die vertrackten, gleichzeitig untertriebenen und mitunter fast entfesselt groovenden Tracks halten “Wise Up Ghost” genauso zusammen wie Costellos freilich gute Lieder.

Insgesamt stehen die beiden Künstler hier auf eine schöne Art nebeneinander. Das bei näherem Hinhören ungemein vielfältige , musikalisch reiche Album sei “the shortest distance between here and there” sagt Costello. Viele dieser Songs hätte er auch für frühere Werke aufnehmen können – wie Costello bei “Sugar Won’t Work” eines seiner linkischen Single-Note-Riffs spielt und dann im Refrain die Stimme über das Playback erhebt, das macht ein gewohntes Gefühl. Besonders toll: Der traurige, sehr unmittelbare Soul von “Tripwire” das acid-ätzende “Refused To Be Save”, das zwischen 70s-Funk, Cineastik und Billy-Idol-NYC-Pop changierende Titellied, der Reggea-Soul-Wave von “Walk Us Uptown”.

Questlove, das wäre doch auch für Elvis Costello ein guter Spitzname.
(Universal).

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