Süddeutschen Zeitung, October 24, 2010

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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Johannes Waechter

Elvis Costello im Interview: “Ich denke niemals daran, was cool sein könnte” Anläßlich seines neuen Albums National Ransom spricht ein schlecht gelaunter Elvis Costello über seinen alten Freund T-Bone Burnett und seinen Unwillen, der Musik Etiketten aufzukleben.


Elvis Costello, als ich gelesen habe, dass Sie Ihr neues Album National Ransom überwiegend in Nashville aufgenommen haben, fiel mir Ihr Album Almost Blue von 1981 ein, auf dem Sie etliche Countryklassiker gecovert haben. Damals war das noch ziemlich kontrovers, oder?

Nicht in meinem Haus. Das war einfach Musik, die ich geliebt habe. Aber viele haben die Platte nicht verstanden, das stimmt.

Im Lauf Ihrer Karriere sind Sie immer wieder zur Countrymusik zurückgekehrt.

Zuletzt auf meinem vorletzten Album Secret, Profane & Sugarcane. Da haben wir nur Saiteninstrumente gespielt, ohne Schlagzeug. Die neue Platte ist dadurch entstanden, dass ich mit den Musikern von der letzten Platte live gespielt und dabei das Rock’n’Roll-Element in diesem Line-Up entdeckt habe. Einige Songs auf der neuen Platte sind mit Schlagzeug und E-Gitarren instrumentiert, einige sind aber sogar noch ruhiger als die letzte Platte, viel intimer. Aber es ging nur darum, das richtige Arrangement für den jeweiligen Song zu finden, nicht darum, ein Statement über Countrymusik zu machen.

Aber meinen Sie nicht, dass es heute eher cool ist —

Wissen Sie was: Ich denke niemals, wirklich niemals daran, was cool sein könnte. Getreu dem alten Sprichwort: “Hipsters – can’t live with them, can’t shoot them.”

Ok, dennoch glaube ich, dass die zunehmende Popularität von Americana-Musik viele Menschen dazu gebracht haben dürfte, Ihre alten Alben wie Almost Blue und King Of America in einem neuen Licht zu sehen.

Da müssen Sie diese Leute fragen. Ich denke nicht mit so einem Ansatz über meine Musik nach. Das ist mir zu analytisch. Wir Musiker machen die Musik mit dem Material, das uns in einem bestimmten Moment zur Verfügung steht. Da kann es dann passieren, dass die Songs alle eine bestimmte Anmutung haben, in eine Richtung gehen – aber es ist kein Trick. Es geht nicht darum, ein Statement zu machen. Es ist einfach das, was passiert. Ich denke niemals daran, ob das, was ich mache, nun New Wave, Alternative, Americana oder sonst etwas ist. Solche Etiketten bergen immer die Gefahr, dass man den Blick für das Wesentliche verliert, nämlich für den tatsächlichen Inhalt der Musik, ihre Lebendigkeit. Das ist, als ob man eine Packung Kekse kauft und dann in die Verpackung beisst, in der Erwartung, dass sie gut schmeckt.

Das ist ja der Grund, warum ich Almost Blue erwähnte habe! In den Achtzigern waren Voruteile gegenüber bestimmten Musikstilen doch noch viel weiter verbreitet, und Ihre Platte dürfte vielen die Augen geöffnet hat, was für tolle Countrysongs es gibt.

Wenn Sie diese Wirkung gehabt hat, ist das schön. Mir haben andere die Augen geöffnet, zum Beispiel die Byrds, Gram Parsons und Emmylou Harris. Und dann habe ich weiter geforscht und alle möglichen tollen Sachen gefunden. In den frühen Sechzigern haben Alexis Korner und John Mayall Rhythm & Blues gespielt– das war das erste Mal, dass diese Musik in England zu hören war. Bald darauf kamen die echten Bluessänger rüber und man konnte Sonny Boy Williamson, Howlin’ Wolf und Muddy Waters live erleben. Dieser Prozess wiederholt sich immer wieder: Irgendjemand stellt sich der Verantwortung, andere mit neuen Klängen bekannt zu machen. Aber es sollte um die Musik und um die einzelnen Musiker gehen, nicht um die Etiketten, die man ihnen aufklebt.

Ihre neue Platte ist erneut von T-Bone Burnett produziert worden, mit dem Sie schon seit Mitte der Achtziger zusammenarbeiten. Haben Sie damals gleich einen Geistesverwandten in ihm erkannt?

Ich habe T-Bone 1984 getroffen, bei meiner ersten Solo-Tour; ich glaube, es war in Norfolk, Virginia. Er ist in meinem Vorprogramm aufgetreten, und schon nach drei Nächten haben wir die Coward Brothers gegründet, dieses imaginäre Duo. Jeden Abend haben wir eine halbe Stunde zusammen gespielt und dabei Songs wie “Tennessee Blues” von Bobby Charles gesungen, “She Thinks I Still Care” von George Jones und “Tom Dooley” im Arrangement von Doc Watson. Dann haben wir auch einen Song zusammen geschrieben und sind ins Studio gegangen, zusammen mit dem Schlagzeuger Ron Tutt. Im folgenden Jahr sind wir wieder ins Studio gegangen und haben King Of America aufgenommen, mit jeder Menge unglaublicher Musiker. Das war für mich das erste Mal, dass ich im Studio stand und mit Leuten zusammenspielte, deren Namen ich von den Hüllen meiner Platten kannte, wie James Burton und Ray Brown. Später sind T-Bone und ich sogar für einen Oscar nominiert worden, für einen Song, den wir für Alison Krauss geschrieben hatten. Wenn man so viel erlebt hat wie wir, gibt dir das die Freiheit, im Studio nur auf das Material zu gucken, ohne Schubladendenken. Wir sind alle nur Menschen, wir haben nur eine bestimmte Zeit, wir geben alle unser bestes. Und das ist es, was man hört.

Was zeichnet T-Bone Burnett als Produzenten aus?

Er hat viele gute und einige sehr, sehr erfolgreiche Alben gemacht. Zum Beispiel die Wallflowers, die die Leute gerne vergessen. Und natürlich den Soundtrack von O Brother, Where Art Thou. Das war ein gutes Beispiel dafür, wie kluge, fähige Künstler wie die Coen-Brüder jemand anderem ihr totales Vertrauen schenken. Das ist eine Leistung, zu der nicht viele imstande sind. Sie haben an T-Bones Musikverständnis geglaubt, und er hat ihnen das Vertrauen zurückgezahlt – die Musik hat diesen Film auf besondere Weise geprägt.

Und wenn er mit Künstlern arbeitet?

Er stellt seine Klangidee nicht zwischen den Künstler und den Hörer. Er stellt sie in den Dienst des Künstlers, um den Hörer zu erreichen. Es gibt zwar verbindende Elemente zwischen den Platten, die er produziert hat, aber das wichtigste ist: Man hört den Künstler und seine Persönlichkeit. Das ist nicht immer so bei Produzenten: Manchmal hört man zuerst den Produzenten und dann erst den Künstler. Während andere eine Batterie an Klangeffekten auffahren, pflegt T-Bone einen sehr subtilen, nuancierten Stil. Ihm geht es vor allem darum, Möglichkeiten zu eröffnen. Das höre ich auf den Platten von B.B. King, Cassandra Wilson, Willie Nelson und Elton John & Leon Russell, die er gemacht hat, und das habe ich auch bei National Ransom gefühlt.

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Süddeutschen Zeitung Magazine, October 24, 2010


Johannes Waechter interviews Elvis regarding National Ransom.

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Elvis Costello und T-Bone Burnett beim Bridge School Benefit in Mountain View, Kalifornien, am 24. Oktober 2010.

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