Sounds (Germany), November 1979

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Sounds (Germany)

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Können fünfzig Millionen Elvis-Fans irren?


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  Tony Parsons

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Nach einem harten Arbeitstag gibt es nichts, das Elvis Costello mehr liebt, als sich in der Gegenwart anderer Show-Business Kollegen bei ein paar Drinks zu erholen. Dieses Jahr, etwa zu der Zeit, als die Knospen sprossen, begibt es sich, daß der bebrillte Sänger in einer Hotelbar in Columbus (Ohio, USA), alkoholische Getränke zu sich nimmt und die Gesellschaft Bonnie Bramletts (ex-Delaney) und Steve Stills' (ex-Crosby, ex-Nash und ex-Young) genießt. Es sind auch ein paar stämmige Burschen zugegen, die schwere elektrische Anlagen für Mister Stills die Highway und Landstrassen Nordamerikas rauf und runter schlepper, um ihre Miete zahlen zu können.

Die nette Atmosphäre des Beisammenseins wird jäh unterbrochen, als die Anwesenden Elvis erklären, daß es in seiner Musik mehr als nur flüchtige Anlehnungen an eine Reihe von schwarzen amerikanischen Künstlern gibt. Man kommt zu der Meinung, daß eine derartige Ähnlichkeit kein Produkt bloßen Zufalls sein kann, sondern das Produkt eines Plagiarismus. Die Anwesenden bezeichnen das beschönigend als „Klauen". Als Beispiel führen sie die Arbeiten der schwarzen Amerikaner Ray Charles und James Brown an.

Hierauf reagiert der heftig erregte Elvis mit einer Reihe von emotionsgeladenen Mutmaßungen. Ray Charles, meint Elvis, sei „nichts als ein blinder, ignoranter Nigger". James Brown ist ein „jive-ass Nigger" und Amerika „a fucked country". Amerikaner sind Kolonialisten und „second-class white-boys", hingegen: „ We are the Originals." Ein Mitglied der Begleitband von Stills ist ein „schmieriger Mexikaner", weil er irgendwie südamerikanisch aussieht. Stills selber bezeichnet er als „old steel-nose" (eine bildhafte Anspielung auf einen operativen Eingriff, bei dem der Nasenscheidewandknochen durch ein Stück Metall ersetzt wird, der vorher durch exzessives Kokainschnupfen zerfressen wurde. Linda Ronstadt weiß mehr davon zu erzählen). Aus dem Mann mit der Hornbrille sprudeln nur so die deftigen Obszönitäten. Ein Handgemenge entsteht. Stills packt Costello an der Kehle zieht ihm vom Barhocker, läßt ihn auf den Hintern fallen, und verläßt angewidert das Lokal. Bonnie Bramlett nimmt Costello mit einer Hand die Brille ab und versetzt ihm mit der anderen einen gekonnten rechten Haken..Bevor Elvis auf sein Zimmer flieht, spielt die Begleitband von Stills noch Fußball mit ihm, — er ist der Ball — wobei er sich eine Schulter verrenkt. Noch während Elvis sich die Wunden leckt, fragt sich Bonnie Bramlett lautstark, ob es wohl einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Rassismus eines Mannes und der Größe seines Penis gäbe. „Ich sagte ihm, daß jeder, der haßerfüllt und gemein ist, einen ganz kleinen Pimmel haben muß. Das alles mußte ausgerechnet passieren, als ich eine Dame sein wollte", klagt Bonnie. „Früher, als ich noch trank, hätte ich ihm in den Arsch getreten."

Nach einer Vielzahl von Schlagzeilen, die den Vorfall der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber ausgiebig schilderten, und 150 Mordandrohungen, gab Costello im vierzehnten Stock des New Yorker CBS-Gebäudes eine Pressekonferenz, um seine Entschuldigungen anzubieten. Schweiß bedeckte seine Brillengläser und ein Kloß steckte ihm im Hals, was nicht etwa auf seine Reue


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oder einen Tumor zurückzuführen war, sondern auf eine Menge von Beschimpfungen und dergleichen. (Welcher Anblick!) - Elvis, der meist gelobte und kommerziell erfolgreichste aller New Wave-Künstler, in der Rolle des Arschkriekers, der bei der Nation um Vergebung fleht, die er verärgert hat, denn diese Nation ist Amerika, und die Größe und das Fassungsvermögen vom Jimmy Carter-Land ist so enorm, daß dagegen alles andere ein Krämerladen ist. Was für ein Anblick! — Elvis, der immer darauf stolz war, in genau die Hand zu beißen, die ihm die Brötchen in den Mund schob, jetzt auf den Knien rutschend und lindernde Hautlotion auf eben dieses zerbissene Gliedmaß auftragend, aus Angst, daß dessen Wohlwollen jeden Moment in Raserei umschlagen könnte. Es ist der Elvis, der eine Reihe von antifaschistischen Songs geschrieben hat (das exzellente „Less Than Zero", das abgründige „Night Rally" und noch einiges andere weniger gelungene), derselbe Elvis, der die Haupt-attraktion bei einem „Anti-Nazi-League"- Concert war, der sich jetzt auf die Zunge beißt, weil er Schwarze „Nigger" nannte (— Die Antwort des Rock and Roll auf Ian Smith: Apartheid mit gefälligen Melodien). Und das alles in dem selben New Yorker CBS-Gebäude, in dem vor ein paar Monaten ein anderer Musiker dieses Labels herumschlich, und den Elvis wie ein zu Tränen gerührter vorpubertärer Fan bewundert. Es handelt sich um Joe Strummer von den Clash, der dort war, ihr zweites Album abzumischen. Strummer sagte über Elvis: „Dieses kleine Arschloch! Mir wird kotzübel!"

Das kleine Arschloch, von dem Joe übel wird, kam irgendwann vor zwanzig bis dreißig Jahren als Declan McMagnus auf die Welt. Er war der Sohn provinzieller Mittelschicht-Katholiken mit gutem Auskommen — Papa war Musiker. Er hatte später alle möglichen Jobs, vom Computer-Programmierer bis zum Roadie (für den späten, wenig beachteten Brinsley Schwarz). Er hatte eine Stimme wie Elton John und ein Gesicht wie ein an Verstopfungen leidender Buddy Holly. Später kannte man ihn als den kleinen traurigen Mann, der ein Band mit seinen Songs von Plattengesellschaft zu Plattengesellschaft schickte.

Schließlich nahm sich Stiff-Records der Waisenknaben an und brachte 1977 MY AIM IS TRUE heraus. Costello war ein Gast, der gerade rechtzeitig zur Punk-rockparty erschien, obwohl er eigentlich ein Outsider war. Er war wütend, aber es war nicht die Wut eines ausschneidbaren oder Neandertal-Nihilisten. Es war die bittere Galle eines Menschen, dessen politische Beweggründe aus sexuellen, nicht aus sozialen Problemen resultierten. Er trug kurzes Haar, schmale Schlipse und schicke, knappgeschnittene Anzüge, aber seine Musik war Kost fürs Establishment: Van Morrison blauäugig beseelt, Dylan von seiner melodischsten Seite und für „White Folks" desinfizierter Yankee-R & B; was nicht heißen soll, daß die Sache stank. Auf der anderen Seite war sie sogar sehr ansteckend.

Punkiger Sinatra

Wenn du mit deiner Popmusik den Kapitalismus umstürzen willst, oder sie dir über die Barrikaden helfen soll, hattest du damit kein Glück. Wenn du es aber heiß findest, in der Badewanne ein heiteres Liedchen zu pfeifen, während du mit den Füßen auf deiner Quietschente herumtappst, dann warst du am richtigen Fleck und Elvis war King, immerhin lagen die neuen Klamotten des Monarchen ganz vorn an der Modefront, wenn er auch, bei all seiner Wichtigkeit als Neuerer, sich ebenso im Schlamm von Yasgur's Farm hätte herumwälzen können, mit nichts als einer indianischen Perlenkette bekleidet und einem Joint in jeder Hand.

Der Titel des Albums war typisch für Costellos Zweischneidigkeit — „My aim is true, my intentions are honourable, my aim is true, I shoot to kill and never miss." Costello wußte, daß er mit seinem Aussehn nicht gerade den ersten Preis der Schönheitskonkurrenz gewinnen würde. Also überzeichnete er den gequälten, kleinen Schwächling, obwohl seine Entfremdungsangst sicherlich nicht ernst zu nehmen ist. Kurze, flotte Pop-songs mit smarten, netten Texten; geradezu ein Erfolgsrezept.

Wenn man Elvis glauben schenken darf, war er ein absolut hoffnungsloser Fall was Frauen angeht, die Sorte, auf die die knackigen Männer am Strand mit dem Finger zeigen. Auch die Frauen lachten ihn aus, benutzten ihn oder liessen ihn sitzen... „How come everybody wants to be your friend?/You know that it still hurts me just to see you. / I said, I'm so happy I could die./She said,


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`Drop dead.' / Then left with another guy...' Selbst wenn er die Frau seiner Träume endlich im Bett hatte, wußte er nicht wie's nun weitergeht... „Well, I remember when the lights went out, / I was trying to make it look like it was never in doubt, / I thought that she knew and she thought that I knew, /So both of us were willing but we dind't know how to do it..."

„Die einzigen beiden Dinge die mich interessieren, die einzige Motivation die ich habe, um meine Songs zu schreiben, sind Rache! und Schuld!. Das sind die einzigen beiden Gefühle von denen ich weiß, daß ich sie kenne. Liebe? Ha! Ich weiß gar nicht, was das heißt, — wirklich —gibt es auch nicht in meinen Stücken."

Bist du ein Masochist El?

»Dieses... Uh, Masochismus" Ding ist nur in zwei oder drei Stücken wichtig — bei „I'm not angry" ist es da, und bei „Miracle Man" — aber das ist eine ganz interessante Sache, denn soweit ich es beurteilen kann, sind das die einzigen Songs in der Sprache der Rockmusik, in denen ein Typ eine absolute Niederlage eingesteht, ohne entweder in die alte James-Taylor-Sebstmitleids-Ecke zu geraten oder ganz in die Macho-Ecke, also ganz und gar Rache."

Die einzigen Songs, El? Wie ist das denn mit... sagen wir mal John Lennon's Jealous Guy"?

„Ach, aber mit dem Song sagt Lennon: 'Es tut mir leid, daß ich dich zum Weinen gebracht habe.' Das ist die Schlüsselzeile, denn er hat sie ja wieder. Er hat gesiegt, also sagt er das ganze selbstbekennende „Ich bin so schwach"-Zeug aus einer Position der Stärke. Nein, was ich meine ist der absolute Verlierer! Das ist etwas völlig Neues in der Rocksprache, deren eigene Natur noch völlig unentwickelt, und deren Grundeinstellung total Macho-orientiert ist. Nur in der Countrymusik kann man es finden, daß jemand ehrlich über einen solchen Verlust singt." El mäg Country & Westernmusik, nicht wahr, El?

„Bei George Jones kann ein Song klingen wie das Ende der Welt."

Welche Musikrichtung gefällt dir noch, El?

„Ich glaube, man sollte bei Platten eine Leidenschaft spüren können — sie sollten klingen als ob die Leute, die sie gemacht haben wirklich dahinterstehen. Es geht nicht um Extreme, nur um der Extreme willen, sondern darum, daß die Sachen nicht an Reiz verlieren. Mein Kriterium für einen Song ist, daß, wenn er anfängt mich zu langweilen bevor ich ihn zuende geschrieben oder aufgenommen habe, warum sollte ich ihn dann aufnehmen?"

Costellos Lieblingsband sind die Clash. Ihn kümmert die Tatsache, daß die Texte der Clash ein politisches Bewußtsein vermitteln, das auf gleicher Stufe mit einem 2-Wochen alten Hundescheißhaufen steht, recht wenig. Unser Elvis hat nichts zu tun mit all diesem pseudo-politischen Zeug! „So sehr Politik seinen Platz in der Rockmusik hat —ich glaube, die Leute sind in der Tat mehr mit ihrem unmittelbaren Leben und ihren Menschzu-Mensch-Beziehungen beschäftigt, als mit ihrer „Höheren Bestimmung". Man wacht nicht morgens um drei schweißbedeckt auf, weil man sich fragt, was wohl die Regierung macht. Man wacht auf und schreit „Wo ist meine Freundin?!" oder „Wo ist meine Frau?!" oder „Wo ist mein Mann?!" Gefühle sind in solchen Momenten ebensosehr eine Frage von Leben und Tod wie politische Angelegenheiten."

Andere Namen... laß uns mit den Sex Pistols anfangen!

„Ich schätze, „God Save the Queen" ist die beste Rock'n'Roll Platte, die jemals gemacht wurde. 1977, während des Queen-Jubiläums, hab ich oft die Fenster aufgerissen und die Platte so laut es nur ging gespielt, um meine Nachbarn zu quälen."

Ach Elvis, du süßer Meiner Rebell!

Patti Smith, Lou Reed?

„Ich hab noch nie eine Note gehört, aber ich verpasse es nie, Interviews zu lesen."

Van Morrison?

Elvis lächelt spöttisch:

Ich habe „Astral Weeks" bis jetzt nicht mal gehört", sagt er.

Ich auch nicht. Aber das hält mich nicht ab zu wissen, daß du nach ihm klingst.

Was meinst du zu den Who?

„Jaaa..., seine (Townshend) frühen Sachen auf alle Fälle, — ich meine „Sustitute" ist ein perfekter Song, aber er verdarb es sich, als er zu raffiniert wurde, zu analytisch."

Elvis der primitve Genius. Sag mir Tarzan, wie war Jane wirklich?

„Das ist tatsächlich so eine Sache —ich bin wirklich auf der Hut, nicht in die selbe Falle zu tappen, in die Townshend geriet. Es gibt Parallelen... Es ist wie wenn man „Balladenmacher der New Wave" genannt wird, nur wegen eines Stückes wie „Alison"..." Trotz aller Ängste Costellos, ein punkiger Frank Sinatra zu werden, war es „Alison", das seinen Höhenflug des Ruhmes auslöste... Linda Ronstadt nahm den Song in ihr Repertoire auf und bereitete Costello somit den Weg zum US-Erfolg. Als sein zweites Album This Year's Model rauskam, war Elvis bereits ein Star.

Reizstoff

Er verließ seine Frau Mary wegen Bebe Buell, einem bekannten amerikanischen Fotomodell, bekannt nicht etwa für ihre Fotos, sondern für ihre Verhältnisse mit Rod Stewart, Todd Rundgren, Tom Petty und anderen „Rockanroll"-Langweilern dieser Sorte. Es war eins dieser klassischen Showbiz-Klischees: armer Junge heiratet Jugendfreundin, und verläßt sie dann, sobald Ruhm und Erfolg anstehen, um sich einem schlanken, anspruchsvollen Jet-Set-Kätzchen zuzuwenden. (Später kehrte Elvis zu seiner Frau zurück und Bebe rutschte weiter zu dem fürchterlich bedeutungslosen Stiv Bators von Dead Boys). Ironischerweise findet man im This Year's Model-Album einen paranoiden, überdrehten Elvis, der sich durch die Mode-Welt bewegt. Dabei ist er nicht gerade nur auf Kleidung aus. Diese Rolle ist ihm auf den Leib geschnitten. Das Album war das beste, was er je gemacht haben wird.

Auf This Year's Model warem Mädchen nur eine Form von Betäu-


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bungsmitteln. „Pump it up until you can't feel it, pump it up when you don't really need it." Der King flüchete in den Mutterleib teuren weißen Puders, hinter dessen kalten chemischem Schaum die Grenze zwischen Mitleid und Ekel verschwimmt — ein Star, der seine Frau wegen einer professionellen Künstlergeliebten verlassen hat. Und dann hört es sich an, als ob er ihren Glanzlippenstift kreuz und quer über ihre makellosen Wangenknochen schmieren will — Furcht und Haß in der Welt der Lippenstiftmode. „Photographs of fancy tricks,/To get your kicks at sixty six,/And thinks of all the lips they've licked,/And of all the girls he's going to fix./They call her Natasha when she looks like Elsie,/I don't want to go to Chelsea./Oh, no, it does not move me,/Even though I've seen the don't want to check your pulse,/I don't want nobody else." „You want to talk to her,/You want to torture her,/All the thing you bought for her,/ Could not give her temperature./Pump it up..." „Sometimes I almost feel,/Just like a human being."

„Man sagt von mir, ich sei als Mensch irgendwie unvollständig," sagt Elvis. „Ich stimme dem zu. Ich bin keine reife, ausgeglichene Person. Ich hoffe, das klingt nicht befremdend, aber ich muß den Leuten wirklich recht geben."

Hast du denn irgendein Vergnügen dabei?

„Es ist tatsächlich so, daß die negative Seite auf mich einen Einfluß ausübt, wenn ich sage: „Sometimes I almost feel/Just like a human being." Denn oft fühle ich mich gar nicht richtig wie ein Mensch. Ich weiß dann nicht, was real ist, und was nicht. Und dieses Stück habe ich lange bevor man mich als „roboterhaft" und dergleichen bezeichnete, geschrieben. Es ist fast wie eine Vorhersage, die tatsächlich eintritt. Übrigens sind auf der THIS YEAR'S MODEL einige Dinge in der Art. Mir macht das Angst, weil das Dinge sind, über die ich absolut keine Kontrolle hatte. Mindestens vier der „Model"-Songs bewahrheiteten sich...

Meine ersten beiden Alben kann man praktisch aufgliedern, indem man die Songs verschiedenen Überschriften zu-ordnet. Z.B. beim ersten Album war es Politik/Philosophie und Rache. Bei "Model" Politik/Fashion und dann was auch immer... Es taucht eine neue Überschrift auf, und was habe ich gesagt: die Voraussage trifft genau so zu: Auf eine perverse Art werde ich jetzt modisch. Man macht aus mir so eine Art Mode auf mich selbst. Es erschreckt mich, weil das wirklich das allerletzte ist, was ich jemals gewollt hätte.

Seit meinen Anfängen habe ich nit an mir herumretuschiert. Ich konnte mir nie vorstellen, daß es viele Leute gibt, die es gut finden, sich von einem häßlichen Brillenträger seine Songs in die Gurgel rammen zu lassen — und das ist auch der Grund, weshalb ich es mache. Ich mache es, um in das Leben von Leuten einzubrechen."

Was ist deine Aufgabe im Leben? Hast du überhaupt eine, oder bist du nur eine neue Stimme in der Popstar-Modewelt?

„Ein Sänger und Songwriter... Das trifft wohl als Gesamtbeschreibung auf mich zu. Meine Berufung sehe ich aber in etwas anderem. Ich bin ein „Reiz-Stoff'. Damit meine ich nichts aktiv Zerstörerisches, sondern jemand der irritiert und desorientiert. Jemand der das graue Tagein — Tagaus gerade genug unterbricht, um das Opfer denken zu lassen, daß es vielleicht noch mehr gibt, als diese eintönige Alltags-Existenz. ...Es geht mir erst seit den letzten drei Jahren so, daß ich mich sozusagen jünger fühle, als ich es mit 18 war. In dem Alter war ich voll von tödlichem Zynismus. Erst in den letzten sechs Monaten, war ich nicht mehr so ernst wie früher und fühlte mich auch viel jünger. Vielleicht ist das so, weil ich anfange den ganzen Witz zu begreifen — den großen Witz der das Leben selber ist."

Ho!Ho!Ho!

Wieder impotent

Costellos drittes Album ARMED FORCES, wurde im Frühjahr diesen Jahres veröffentlicht. CBS gab der Platte ein Werbebudget und eine Promotion, wie sie es seit 1975 mit Springsteen's BORN TO RUN nicht mehr getan hat. Costello tourte ausgedehnt in England, Japan, Australien und in jedem einzelnen der 52 Staaten von Amerika, um sein neues Produkt vorzustellen.

Das Album hatte respektable 650.000 verkauft als es anfing von Hitlisten zu rutschen, aber wenn man den Einsatz seitens der Plattenfirma und den Beifall der Rockpresse bedenkt, den es hinter sich hatte, hätte man erwarten können, daß sich das Geschäft in anderen Dimensionen bewegt — wie z.B. bei den 3x Platinveredelten Gebrüdern Gibb.

„Jemand aus England, der mich in den Staaten sah, sagte sowas wie, 'Oh, er ist nicht mehr so fordernd wie früher.' — so als wenn ich stumpf geworden wäre, oder so etwas in der Art. Das hat mich sehr beunruhigt. Manchmal ist es nur Abgespanntheit, aber es kann vorkommen, daß man an den Punkt kommt, an dem man wirklich an sich zu zweifeln beginnt. Es kann auch nützlich sein, denn die Überzeugung, man mache alles richtig, ist immer noch die schlimmste Art von Überheblichkeit. Manchmal ist mein Größenwahn das einzige, was mich noch in Gang hält. Manchmal fühle ich mich auch völlig ausgemergelt, auch jetzt noch. Wenn zwei Tage vergangen sind, an denen mir keine Idee für einen Song eingefallen ist, bin ich davon besessen, etwas zu schreiben. Das ist es, was den Unterschied ausmacht, zwischen einer Sache die man als Beruf betreibt, und einem bloßen Hobby. Der Gedanke daran „auszutrocknen" jagt mir nicht so viel Angst ein, wie der Gedanke, mich nur noch zu wiederholen innerhalb eines nachlassenden Echos..."

Costello zweifelt zu Recht an sich. „Entweder wir schaffen es, und zwar den Erfolg auf der ganzen Linie, oder wir schaffen es nicht." So drückt sich Costello's Manager aus (ein sehr kleiner Mensch, der aussieht wie ein Colonel Tom Parker, dem man die Unterschenkel abgesägt hat). „Wenn dieses Album in Amerika nicht einschläg wird CBS uns zwar behalten, aber mar: wird uns als alte Sache betrachten, in die man nicht mehr allzuviel investiert.

Also, was ist schief gelaufen?

Ohne Zweifel behindert die Tatsache, daß Costello mit dem Rest der Welt auf Kriegsfuß steht, seinen Fortschritt. Ausserdem ist er ein Opfer der Tournee-Erschöpftheit — ausgedehnte Tourneem können dich um eine Million schwerer machen, während sie dir deinen Funken rauben. Wenn die Spannung weg ist, macht auch Reichsein keinen Spaß mehr. Aber die wichtigste Ursache für Costello's Verlust an Anziehungskraft liegt in der Schwäche seines neuer Materials. Songs wie „Green Shirt". „Oliver's Army" und „Senior Service" beweisen, daß seine Impotenz kein Werbegag, keine Pose und keine Marketing Technik mehr ist. — Nein, „It's the real Thing"!! — die Impotenz, Elvis zu sein.

Elvi klang einmal gequält und schmerzerfüllt. Hier klingt er wie ein nörgeliger, schlechgelaunter Schmollmund, der sein Flair, seine Vitalität und jede Fähigkeit, ein gutes Lied zu schreiben, verloren hat. Er sang Songs wie „Two Little Hitlers", obgleich er ein größenwahnsinniger Trottel war, der sich gerade daran machte, Rußland im Winter zu überrennen, statt sich als leichtgewichtiges, kleines Poptalent auf die Straße zu begeben, um für ein Mittagessen zu singen.

Er wollte schockieren, aber dabei rauskam, war eine Art Alice Cooper für Pseudointellektuelle.

Er wollte sich zum Dorn im Augemachen und wurde zum Pickel am Arsch.

Er wollte wie Bob Dylan sein. aber „it's alright, Ma", er jammert nur.

„Der mitleiderregendste Anblick dem ich mir vorstellen kann, ist der eines Menschen, den man einmal bewundert hat, wie er sich abmüht, um seine Inspiration wiederzuerlangen," stellte Costello einmal sehr richtig fest. „Ich meine das todernst. Ich will nicht Zeuge meines eigenen künstlerischen Abstieges werden." Seht euch an, Königliche Hoheit.

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Sounds (Germany), November 1979


Tony Parsons profiles Elvis Costello.

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Cover photo by Chalkie Davies.


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Page scans.


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Photo by Adrian Boot.


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Photo by Chalkie Davies.


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Photo by Bob Gruen.


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