Stuttgarter Nachrichten, June 5, 2012

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Seid ihr jetzt endlich glücklich?


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   Gunther Reinhardt

Elvis Costello inszeniert sein Gesamtwerk in Hamburg bei seinem einzigen Auftritt in Deutschland als Gameshow.

Blutrot geht der Abend in Hamburg zu Ende – mit einer Ode auf das Verlangen, die so gar nicht zu der Unverbindlichkeit passen will, mit der Elvis Costello sich und seine Songs zuvor inszenierte. „I Want You“ setzt den Schlusspunkt unter eine Show, die scheinbar harmlos mit „I Hope You’re Happy Now“ begann: am Anfang das hyperaktive, lustig twistende Pamphlet des Entliebens, am ­Ende das Psychodrama, das so viele Obsessionen angestaut hat, dass Michael Winterbottom 1998 einen Spielfilm aus dem Song machte. Und dazwischen ein zweieinhalb Stunden langer Querschnitt durch das nicht nur in seiner Vielfalt erstaunliche Werk ­Elvis Costellos, der am Sonntag im Hamburger Congresscentrum sein einziges Deutschlandkonzert gegeben hat.

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass das Internet für den Tod der Langspielplatte und deshalb für den Niedergang des Pop verantwortlich ist. Zwar hört tatsächlich kaum noch einer Alben von Anfang bis Ende durch, man stellt sich stattdessen Playlists aus seinen Lieblingssongs zusammen. Und Musiker, die glauben, ihre Songs seien nur im Gesamtzusammenhang eines Albums verständlich, haben ein Problem. Doch letztlich findet der Pop damit zurück zu seinen Anfängen, die Single war der Nukleus des Pop. Er habe als Teenager nur Singles gehört, sagt Elvis Costello. Und die ­Singles der Beatles, Kinks oder Hollies, die er damals hörte, brauchen genauso wie seine eigenen Songs keinen sinnstiftenden Überbau in Form eines Albums. Das zeigt sich auch in den zahllosen Neuzusammenstellungen, in denen Costellos Songs veröffentlicht wurden.

Sein Repertoire in einer von Zufällen bestimmten Gameshow und als kunterbunten Spaß zu inszenieren, zählt darum zu den tollen Einfällen des inzwischen 57-Jährigen. Nachdem er sich mit einer Handvoll überdrehter Pubrocknummern wie „Heart Of The City“ oder „Radio Radio“ warmgespielt hat, beginnt die eigentliche „The Return Of The Spectacular Spinning Songbook“-Show, wird die Rückkehr des spektakulären Liederbuch-Glücksrads gefeiert.

Elvis Costello setzt sich seinen Zylinder auf, verwandelt sich in sein Alter Ego Napoleon Dynamite, eine Mischung aus Showmaster, Zirkusdirektor und Pop-Marktschreier der „Songs über Liebe, Sex, den Tod und das Tanzen, aber nicht unbedingt in ­dieser Reihenfolge“ verspricht.

Denn über die Lieder und über die ­Reihenfolge, in der sie gespielt werden, entscheidet von nun an nicht der Künstler, sondern das Publikum – beziehungsweise das Glücksrad, das rechts auf der Bühne steht. Immer wieder holen Costello und seine Assistentin Menschen auf die Bühne, die das Glücksrad drehen und damit über das weitere Programm entscheiden. Neben den Titeln von Costello-Songs finden sich auf dem Glücksrad auch Joker oder Jackpot-Titel wie „Crime & Punishment“ oder „I Can Sing You A Rainbow“, bei denen sich Costello die Freiheit nimmt, beliebige Songs zu diesem Thema zu spielen.

Etwa als der Zeiger bei „Time“ stehen bleibt und er unter anderem „Out Of Time“ von den Stones covert. Später wird er auch "Day Dripper“ von den Beatles oder "Purple Rain“ von Prince anspielen. So viel Jahrmarkt muss sein. Und spätestens, wenn die Freiwilligen aus dem Publikum in einen aus einer Burleskshow geborgten Tanzkäfig gezerrt werden, in dem sie auf der Bühne zum Song ihrer Wahl herumzappeln müssen, wird deutlich, dass man in eine Popsatire ­geraten ist.

Costello führt genussvoll die Irrwitzigkeit des Popzirkus vor, das Beliebige, Oberflächliche, die Eitelkeit und nimmt sich selbst ­dabei nicht aus. Selbst in Momenten größter Ernsthaftigkeit führt er stets vor: Das ist austauschbar, das ist Pop, das ist Showbusiness. Man weiß nie so genau, woran man ist bei Elvis Costello, der zwar seit vielen Jahren in den USA lebt und dort mit der Jazz­sängerin Diana Krall zwei kleine Kinder hat, sich aber den britischen Sarkasmus ­erhalten hat.

Es tun sich Welten auf zwischen seinen Nummern. Hier der stilprägende Reggae „Watching The Detectives“ oder das quirlige "Peace, Love & Understandng“, dort die Ballade "Shipbuilding“, die er live mehr und mehr ausbremst. Oder das knurrige "National Ransom“, das sich böse an einem ­stotternden Riff abarbeitet, oder der Schmachtfetzen "She“, bei dem er den Crooner mimt, runter von der Bühne steigt und es sich auf einem der Sperrsitze im Parkett gemütlich macht. Und inmitten ­dieses kunterbunten Durcheinanders der Popspielweisen tut Costello noch einen Akustikblock auf, spielt zur Gitarre und zur Ukulele Ragtime-Nummern wie "A Slow Drag Named ­Josephine“.

Weil es das Glücksrad an diesem Abend gut mit Hamburg meint, gibt es auch Hits wie „Chelsea“ oder "Every Day I Write A Book“ zu hören. Und als letzte Zugabe dann "I Want You“. Es beginnt vertraut mit den verstörenden Gitarrenakkorden, besteht später aber nur noch aus einem E-Klavier und der Stimme Elvis Costellos, die gespenstisch durch die Halle echot, bevor dieser Sänger und Songwriter schließlich ganz auf das Mikro verzichtet. Einen empfindlich­intimen Moment lang steht er dann vorne an der Bühne im Dunkeln, ruft unverstärkt „I want you!“, „Ich will dich!“, in die Halle.

Kaum ist man bereit zu glauben, dass er es jetzt wirklich ernst meint, geht das Licht an, Costello grinst. Die Show ist vorbei.

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Stuttgarter Nachrichten, June 5, 2012


Gunther Reinhardt reviews Elvis Costello & The Imposters, Sunday, June 3, 2012, Congress Centre, Hamburg, Germany.

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2012-06-05 Stuttgarter Nachrichten photo 01 dapd.jpg
Photo: DAPD.

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