Stuttgarter Nachrichten, October 15, 2014

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Elvis Costello in Stuttgart

Seid ihr jetzt endlich glücklich?


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   Gunther Reinhardt

Lieder über Liebe, Lust und Lügen kündigt Elvis Costello bei seinem Konzert im Theaterhaus in Stuttgart an. Der 60-Jährige hält, was er verspricht, spielt rund 30 Songs im Schnelldurchlauf und erweist sich als grandioser Alleinunterhalter.

Stuttgart - Es war einmal, da zog sich ein stolzer Mann irischer Abstammung seinen schönsten weißen Anzug an, trat auf eine Bühne und sang für die Queen „If I Had A Hammer“. Dieser Mann hieß Ross McManus, und wenn er nicht gerade für Eure Exzellenz trällerte, trompetete er in einem Orchester, in dem auch sein Sohn Declan als Gitarrist einst einen denkwürdigen Auftritt hatte.

Declan, der sich später Elvis Costello nennen sollte, war gerade 17 Jahre alt, als er zu Beginn einer großen Show in Blackpool merkte, dass die weiße Les-Paul-Kopie, die er sich um den Hals gehängt hatte, völlig verstimmt war. „Also tat ich, was jeder vernünftige Mensch in diesem Moment getan hätte: Ich stellte den Ton aus und tat den ganzen Abend nur so, ob ich spielen würde“, erzählt Elvis Costello am Dienstag in Stuttgart, „und ich kann Ihnen sagen: Ich habe damals die Show meines Lebens gespielt!“ Dann fuchtelt er noch ein Weilchen verwegen mit der Gitarre herum, bevor er den wunder­baren Song „Ghost Train“ spielt und von Maureen und Stan, zwei anderen Musikern, erzählt, die Pech mit Drummern und Kellnerinnen haben.

Nicht nur in seinen Songs, sondern auch zwischen ihnen erweist sich dieser Mann, der wie der kleine Bruder von Harold Lloyd und Buddy Holly aussieht, als großartiger Geschichtenerzähler, bei denen man nie weiß, wie viel Wahrheit in ihnen steckt. Der 60-Jährige macht es sich natürlich auch ziemlich einfach, wenn er zu Beginn des Konzerts ankündigt, nur Lieder singen zu wollen, in denen es um Liebe, Lust und Lügen geht – gibt es doch in seinem Œuvre kaum einen Song, der nicht von Liebe, Lust und Lügen erzählt. Und so reicht das Repertoire, das er am Dienstagabend den 900 Besuchern im Stuttgarter Theaterhaus vorspielt, von zart-akustischen Version des Liebeslieds „Alison“, das von seinem Debüt „My Aim Is True“ aus dem Jahr 1977 stammt, bis zu einer rumpelig-ungestümen Interpretation der Nummer „Come The ­Meantimes“, die er 2013 mit der Hip-Hop-Combo The Roots aufgenommen hat.

Ein denkwürdiger Abend: Erstmals tritt Elvis Costello in Stuttgart auf. Zwar war er vor sechs Jahren schon einmal bei den Jazz Open zu Gast – doch nur als Zuschauer: Er saß beim Auftritt Diana Kralls, mit der er verheiratet ist, in der fünften Reihe. Krall und den Zwillingssöhnen Hank und Frank wird Costello einen der schönsten Songs des Abends widmen. An der innigen Schmonzette „Walkin’ My Baby Back Home“, die aus dem aus den 1930er Jahren stammt, haben sich zuvor auch schon Louis Armstrong und Nat King Cole versucht. Costello steht ihnen als Crooner in nichts nach. Auch seine Version von Charles Aznavours „She“, die er einst für den Sountrack der romantischen Komödie „Notting Hill“ einspielte, beweist, dass Costello nicht nur Kitsch kann, sondern auch ein entzückendes Tremolo hat.

Elvis Costello hat sich im Verlauf seiner langen Karriere immer neue Stile angeeignet – von Punkrock bis Pubrock, von New Wave bis Easy Listening, von Folk bis Pop. Der sarkastisch-ironische Ton seiner ­Liedern aber blieb. Ebenso die Hornbrille, die er schon zu Zeiten trug, als es noch keine Hipster gab und der Ausdruck Nerd ein Schimpfwort war. Während Costello auf seinen Platten aber großartige Popinszenierungen liebt, muss bei der Soloshow in Stuttgart muss meistens eine Gitarre reichen.

Popsongs wie „Oliver’s Army“, „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love And Understanding)“ oder der Hit „Veronica“, den er mit Paul McCartney schrieb, geraten dabei ein bisschen schrammelig. Andere erfindet er in den Soloversionen neu. „I Hope You’re Happy Now“ – eigentlich eine lustig twistende Nummer – verwandelt sich in eine bittersüße Ballade, einen von Finger­pickings begleiteten Abschiedsgruß. Robert Wyatts „Shipbuilding“ macht Costello am E-Klavier zu einem betörenden Kunstlied, das sich jeder Rhythmisierung widersetzt.

Noch erstaunlicher ist, was er aus dem ­fabelhaften Frühwerk „Watching The Detectives“ macht. Dort, wo einst ein knuffiger Reggaebeat lässig herumhüpfte, dröhnen und kreischen in Stuttgart nun Gitarrenloops, die Costello in Echtzeit inszeniert. Der Song wird zu einer schrillen Suite voller ­kaputter Melodiefetzen, die ein verstörendes Eigenleben entwickeln. Und in die Endlosschleifen aus langsam anschwellender Dissonanzen mogelt Costello auch noch eine Polizeisirene.

So vielfältig wie die musikalischen Rollen, in die Costello im Theaterhaus schlüpft, sind auch seine Posen, mit denen er sich für den immer größer werdenden Applaus bedankt: Mal lässt er sich mit erhobenen Armen feiern, mal verbeugt er sich galant, ruft begeistert Danke, spielt den Schüchternen oder hält sich verzückt die Hände vors Gesicht.

Und nicht nur von seinem Vater weiß Elvis Costello rührende Geschichten zu erzählen. Auch sein Großvater war Musiker, spielte einst in Orchestern, die Stummfilme vertonte – bis ihn der Tonfilm arbeitslos machte. Ihm widmet Costello den Songs „Jimmy Standing In The Rain“, der wie eine alte in Melancholie getauchte Vaudeville-Nummer klingt und ergreifend von der Einsamkeit des Alleinunterhalters erzählt.

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Stuttgarter Nachrichten, February 20, 2014


Gunther Reinhardt reviews Elvis Costello solo on Tuesday, October 14, 2014, at Theaterhaus, Stuttgart, Germany.

Images

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Elvis Costello beim Konzert am 14. Oktober in Stuttgart.
Photo by Steffen Schmid.

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