Wiener Zeitung, January 17, 2016

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Music

Anekdotische Lebensbeichte


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Bruno Jaschke

"Unfaithfull Music", die umfangreiche Autobiografie des großen Singer/Songwriters Elvis Costello.

"Ich kam in derselben Klinik zur Welt, in der Alexander Fleming das Penicillin entdeckt hat. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich mich nicht als ein ähnlicher Segen für die Menschheit erwiesen habe."

Die Klinik ist das St. Mary’s Hospital im Londoner Stadtteil Paddington, und der Mensch, der sich höflich für seine Defizite an gemeinnütziger historischer Bedeutung entschuldigt, heißt Declan Patrick MacManus, besser bekannt als Elvis Costello. "Der Mann, der auf unerträgliche Weise alles richtig macht", wie ihn Deutschlands führender Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen 1986 in der Zeitschrift "Spex" charakterisiert hat: "Diese Qualität, dieser einfach nicht eintretende Verfall, dieses Beharren (. . .)!"

Universaltalent

Der heute 61-jährige Elvis Costello, Sohn eines etwas flatterhaften Berufsmusikanten, ist der vermutlich konsensfähigste britische Singer-Songwriter der letzten 40 Jahre. Ein integrativer Künstler, der als einer der frühen Protagonisten der New Wave Trendsetter-Meriten ebenso verzeichnet wie er mit seinen hingebungsvollen Interpretationen amerikanischer Country-, Soul- und Rhythm & Blues-Standards Traditionalisten anspricht. Der sowohl meisterhaft den klassischen, an den Beatles geschulten Pop repräsentiert wie er auch mit mehreren Projekten (u.a. mit dem Brodsky Quartett) weit über dessen Grenzen hinausgegangen ist. Der als versierter Texter reichlich Zuspruch bei der sogenannten Intelligenzia findet. Und der zuguterletzt durch seine Ehe mit der attraktiven Jazz-Sängerin und -Pianistin Diana Krall in geschmackvollen Grenzen sogar die Glamour- und Society-Presse bedient.

Und anders als bei vielen Konsens-Acts, die ihre divergierenden Fan-Fraktionen so ansprechen (müssen), dass die einen tunlichst nichts von den anderen merken, generiert bei Costello gerade das Wissen um seine Universalität Anziehung und Flair.

Beste Voraussetzungen also für eine große Autobiografie. Leider beschränkt sich die Gewichtigkeit des 0,9 Kilo schweren und fast 800 Seiten dicken Buchs zu einem nicht unerheblichen Teil auf den physikalischen Aspekt. Abgesehen von typischen Biografie-Krankheiten wie einer episch ausgebreiteten Ahnenchronik sind manche Passagen erstaunlich trivial, andere semantisch schlichtweg unergründlich. Etwa hier: "Inzwischen zeigten die unzähligen, aus den USA importierten Polizeiserien hochtoupierte Haare und Brusthaartoupets, und das galt nur für die Frauen." Oder: "Er sah außergewöhnlich wie er selbst aus."

Einiges an solchen sprachlichen Unebenheiten mag der Übersetzung anzulasten sein, die schon dort, wo sie sich zu erkennen gibt - bei Songtexten und den Titeln der Kapitel - Stilsicherheit vermissen lässt. Dass aber viel Erzähltes vage bleibt und ein War-das-alles?-Gefühl hinterlässt, geht fraglos auf das Konto des Autors. Und dass die insgesamt 36 Kapitel nicht einer ordinären chronologischen Ordnung folgen, mag für Meister Costello wohl Ehrensache sein, verleiht aber auch der Bio in ihrem wilden zeitlichen Durcheinander trotz oder gerade wegen ihres Umfangs Stückwerk-Charakter.

Solchermaßen mutet "Unfaithful Music" an wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten, die immerhin viel Menschliches und allzu Menschliches offenbaren. Reuevoll bekennt der Künstler, der früher reichlich dem Alkohol und Aufputschmitteln zuzusprechen pflegte, dass er wie sein Vater den Verlockungen des Star-Ruhms nicht immer zu widerstehen vermochte.

Liebesver(w)irrungen

Eine früh geschlossene Ehe mit einer Schulfreundin, der ein Sohn entsprang, zerbrach daran. Über sein ebenfalls gescheitertes Bündnis mit der Pogues-Bassistin Cait O’Riordon gibt sich Costello indes reichlich zugeknöpft. 2003 führte er, auf Elton Johns Anwesen in Sussex und mit Paul McCartney als einem der Hochzeitsgäste, Diana Krall vor den Traualtar, 2006 wurde er Vater von Zwillingen. Damit ist das Thema Liebesver(w)irrungen, so suggeriert die Autobiografie apodiktisch, vom Tisch.

Wie es zu einem Künstler, der nicht zuletzt für den bissigen Humor seiner Texte geschätzt wird, passt, sind einige Episoden recht lustig. So schildert Costello, dessen Karriere in der Ära des britischen Punk zündete, was einem bei einer Tour mit The Damned so alles passieren konnte, wenn man im gemeinsamen Mietbus seinen Rausch ausschlief: "Ich wachte auf und sah, dass meine Schnürsenkel brannten und mein schlummernder offener Mund voller Asche war, was ich den bescheuerten Bandmitgliedern von The Damned zu verdanken hatte."

Im wahrsten Wortsinn umwerfend gestaltet sich die Suche nach einem Keyboarder für Costellos langjährige Begleitband The Attractions. Der 19-jährige Steve Nason (später: Nieve), der letztlich das Rennen machen sollte, stellt sich bei Costello so ein: "Ich war wahrscheinlich gerade alt genug, um zu erkennen, dass die Flasche mit süßem Sherry, die er umklammert hielt, mit Angeberei und Nervosität zu tun hatte. Steve spielte vor und fragte uns dann, ob er bleiben könne, um die restlichen Kandidaten zu hören. Eine kurze, trostlose Zeit später, nachdem wir alle seine wenig verheißungsvollen Rivalen angehört und entlassen hatten, fanden wir den jungen Steve im Tiefschlaf, zusammengerollt im Deckel des Transportkoffers. Die Sherryflasche war fast leer."

Hall of Fame

Später kooperiert und befreundet sich Costello mit so respektablen Zeitgenossen wie Bob Dylan, T-Bone Burnett, George Jones, Burt Bacharach und insbesondere Paul McCartney. Als einer seiner Zwillingssöhne wissen will, warum den "Fool on the Hill" kein Mensch leiden kann, fragt seine Frau kurzerhand des Autor des Songs.

2010 wird er zur Gershwin-Preis-Verleihung an McCartney ins Weiße Haus eingeladen - nicht ohne von Präsident Barack Obama boshaft informiert zu werden, dass Diana (anlässlich einer Preisverleihung an Stevie Wonder) schon vor ihm da gewesen war.

Seine Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame erwähnt Elvis II. mit instinktsicherem Understatement nur mittelbar. "Als mich ein Journalist fragte, warum Gram Parsons nicht in der Hall of Fame sei, antwortete ich, dass sie vermutlich überfüllt sei und schlug vor, auszutreten, um ihm Platz zu machen. ,Wenn Mr. Henley (Don Henley, The Eagles, Anm.) mitkommt‘."


Information
Elvis Costello
Unfaithful Music. Mein Leben Autobiografie. Übersetzt von Henning Dedekind,
Henriette Heise und Hubert Mania. Berlin Verlag
2015, 779 Seiten, 30,90 Euro.

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Wiener Zeitung, January 17, 2016


Bruno Jaschke reviews Unfaithful Music & Disappearing Ink.

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2016-01-17 Wiener Zeitung photo sn 01.jpg
Photo credit: Splash News/Splash News/Corbis.

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